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Stagflations-Alarm: Warum 100–120 Dollar Öl zur globalen Schmerzgrenze werden

6 Min.
Stagflations-Alarm: Warum 100–120 Dollar Öl zur globalen Schmerzgrenze werden

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem gemütlichen Restaurant. Die Karte ist verlockend, die Stimmung gut. Doch plötzlich verdoppelt der Wirt die Preise, schaltet die Heizung ab und teilt Ihnen mit, dass Ihr Gehalt ab morgen leider nur noch die Hälfte wert ist. Was sich im ersten Augenblick wie ein schlechter Scherz anzuhören scheint, ist nichts anderes als die wirtschaftliche Realität, auf die die Welt gerade mit hohem Tempo zusteuert.

Wir nähern uns der Welt der Stagflation – jenem wirtschaftlichen Schreckgespenst, das derzeit wie ein dunkler Schatten über den globalen Märkten schwebt. Und der Treibstoff für diesen Albtraum? Es das Öl, das Blut im Wirtschaftskreislauf. Es fließt aus dem Zapfhahn oder auch nicht mehr.

Öl ist nicht mehr nur ein Rohstoff, der Motoren schmiert und Kunststoffe formt. In der Arena der Geopolitik hat es sich heute längst in eine hocheffiziente, als Handelsgut getarnte Waffe verwandelt. Eine Waffe, deren Zündmechanismus auf einem Preisschild basiert, sobald das Barrel Rohöl zwischen 100 und 120 US-Dollar kostet.

Die tödliche Mathematik: Warum 100 bis 120 Dollar die Schmerzgrenze sind

Es klingt fast paradox: Die Weltwirtschaft ist ein hochkomplexes Uhrwerk aus KI, Robotik und digitalem Banking, aber am Ende hängt alles an der Zähigkeit einer schwarzen Flüssigkeit aus der Erde. Ökonomen beobachten eine gefährliche Korrelation: Bleibt der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent über einen längeren Zeitraum im Bereich von über 100 Dollar, gerät das globale Gefüge ins Wanken.

Hinter dieser Aussage steht die Schwellenwert-Logik: Bei 60 bis 80 Dollar ist Öl ein Motor. Bei 100 bis 120 Dollar wird es zum Sand im Getriebe. Ab diesem Niveau fressen die Energiekosten die Gewinnmargen der Unternehmen so massiv auf, dass Investitionen gestoppt werden.

Es folgt der Konsum-Kollaps: Der Endverbraucher spürt die Waffe direkt an der Tankstelle und bei der Heizkostenabrechnung. Wenn das frei verfügbare Einkommen für Benzin verbraucht wird, stirbt zwangsläufig der restliche Konsum – vom Kinobesuch bis zum neuen Smartphone.

Erinnerungen an die Lieferkettenproblematik der Coronazeit werden wach

Gleichzeitig schnappt die Logistik-Falle zu, denn fast jedes Produkt, das die Konsumenten erwerben, wurde auf einem Lastwagen, per Schiff oder mit dem Flugzeug transportiert. Steigen die Treibstoffpreise, steigen die Transportkosten in allen Bereichen und damit mittelfristig auch die Preise für alles.

Die meisten Verbraucher werden sich noch gut an die massiv steigende Inflation des Jahres 2022 erinnern, als die Lieferketten rissen und zunächst die Großhandelspreise und schließlich auch die Preise der Endprodukte explosionsartig zu steigen begannen. Eine ähnlich Entwicklung droht auch nun wieder, nur haben die meisten Verbraucher, dies noch nicht auf dem Schirm, sondern glauben, die Preisexplosion sei auf die Kraftstoffpreise an der Tankstelle begrenzt.

Diese Ansicht ist leider etwas weltfremd, denn ein steigender Ölpreis hat am Weltmarkt die gleiche schädliche Wirkung wie gerissene Lieferketten: Produkte werden teurer und die Inflation frisst sich mit atemberaubender Geschwindigkeit ihren Weg durch das System. Die Geschichte hat uns mehrfach gezeigt, dass die Wirkung immer wieder die gleiche ist, egal, ob die OPEC den Ölhahn zudreht und den Preis dadurch steigen lässt oder ob ein Krieg Öllieferungen verhindert und dadurch zu unbezahlbaren Energiepreisen führt.

Führt uns der hohe Ölpreis direkt in die weltweite Stagflation?

Der Kunstbegriff der Stagflation setzt sich aus Stagnation und Inflation zusammen. Er beschreibt eine Phase, in der kein nennenswertes Wirtschaftswachstum auf eine massive Geldentwertung durch Inflation trifft. Solche Phasen sind der „perfekte Sturm“ für die Wirtschaft und ein Albtraum für jede Zentralbank.

Normalerweise bekämpft eine Notenbank die Inflation durch Zinserhöhungen. Doch Zinserhöhungen bremsen die Wirtschaft weiter aus. Wenn die Wirtschaft jedoch bereits stagniert, führen höhere Zinsen direkt in die Rezession oder gar in die Depression, zwei Szenarien, deren Zusammentreffen die Zentralbanken unter allen Umständen vermeiden möchten.

Ein stark steigender Ölpreis ist der perfekte Auslöser für ein solches Szenario. Da es ein angebotsseitiger Schock ist, können Notenbanken wenig tun. Sie können Geld „drucken“, aber keine neuen Ölfelder. Wenn der Preis für ein Barrel Öl über Monate hinweg bei 110 US-Dollar liegt, wird die Inflation strukturell.

Die Löhne ziehen nach einem gewissen Zeitverzug schnell nach und es entwickelt sich die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale, während die Produktion aufgrund der hohen Kosten und der niedrigeren Nachfrage der Verbraucher gedrosselt wird. Das Ergebnis: Die Wirtschaft schrumpft, während die Preise weiter klettern. Es ist ein toxisches Gebräu, das ganze Industrienationen in die Knie zwingen kann.

Öl als geopolitisches Skalpell

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu sehen, dass im geopolitischen Wettstreit die Ölpreise aktiv als Hebel genutzt werden. Länder, deren Staatshaushalte fast ausschließlich an den Exporterlösen aus dem Ölhandel hängen, haben kein Interesse an einem „fairen“ Preis. Sie brauchen den Maximalpreis, um ihre politischen Ambitionen zu finanzieren oder um Druck auf Importnationen auszuüben.

Wenn beispielsweise seitens der OPEC-Staaten die vereinbarten Förderquoten künstlich verknappt werden, während die Ölnachfrage stabil bleibt, ist das kein reiner Marktvorgang. Es ist eine strategische Entscheidung. Ein dauerhafter Ölpreis von 120 Dollar wirkt deshalb an dieser Stelle wie eine zusätzliche Steuer auf die westlichen Demokratien, die direkt in die Kassen der Förderstaaten fließt. Es ist eine Umverteilung von Wohlstand, die die wirtschaftliche Substanz der Importeure schleichend zersetzt.

Der schleichende Zerfall: Ein unangenehmer Ausblick

Kritiker und Rohstoffanalysten mahnen deshalb zurecht, dass das Öl ist die einzige Waffe ist, die man abfeuern kann, ohne einen Schuss zu hören. Der Knall bleibt deshalb aber nicht aus. Er wird erst Monate später in den Bilanzen der Zentralbanken und den volkswirtschaftlichen Daten sichtbar.

Was passiert, wenn der Preis für ein Barrel Öl über zwölf Monate im Bereich von 100 bis 120 US-Dollar verweilt? Drei schwerwiegende Auswirkungen sind für diesen Fall zu befürchten: In den betroffenen Industrieländern ohne einen Zugang zu preiswerter Energie wird es zu einer Deindustrialisierung kommen: Unternehmen aus energieintensiven Sektoren wie der Chemie-, Stahl- oder Papierbranche wandern ab oder gehen bankrott. Einmal geschlossene Werke öffnen oft nie wieder.

Eine zweite, ebenfalls sehr schwerwiegende Konsequenz zeigt sich auf der sozialen Ebene. Die soziale Erosion nimmt zu: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander, da die unteren Einkommensschichten prozentual einen viel größeren Teil ihres Einkommens für Energie ausgeben müssen.

Auf der staatlichen Ebene werden die Schulden zum Problem und es drohen erneute Schuldenkrisen: Die betroffenen Staaten müssen Milliarden in Subventionen wie Benzinpreisbremsen und ähnliches stecken, um den sozialen Frieden zu wahren. Das treibt die ohnehin hohe Staatsverschuldung in letztlich nicht mehr tragbare Höhen.

Die Nadel im Arm der Moderne

Die Welt hat sich mit ihrem Energiehunger in eine Abhängigkeit manövriert, die das Öl zur ultimativen Waffe macht. Die 100- bis 120-US-Dollar-Marke ist kein bloßer Marktwert, sondern die rote Linie zur wirtschaftlichen Selbstzerstörung durch Stagflation. Solange wir nicht lernen, uns von diesem Tropf zu lösen, bleibt der Ölpreis der Fernzünder für den nächsten großen Crash.

Die Weltwirtschaft gleicht an dieser Stelle einem Patienten, der auf die richtige Dosierung angewiesen ist. Zu wenig Öl lässt ihn verhungern, aber eine zu hohe „Dosis“ im Sinne des Preises führt unweigerlich zum Organversagen.

Wir befinden uns derzeit in einem riskanten Realexperiment – und der Ausgang wird darüber entscheiden, ob unser Wohlstandsmodell die nächsten Jahrzehnte überlebt oder im schwarzen Gold versinkt.

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