Kupfer notiert trotz eines leichten Rückgangs vom jüngsten Rekordhoch weiterhin auf historisch hohem Niveau. Entgegen der üblichen Skepsis in solchen Marktphasen heben Goldman Sachs und Citigroup ihre Preisprognosen sogar an. Der Grund: Ein schwächeres Minenangebot und ungewöhnlich knappe Bestände sorgen für eine anhaltende Marktanspannung, die über eine rein zyklische Nachfragesteigerung hinausgeht.
Goldman Sachs und Citigroup erhöhen Prognosen massiv
Goldman Sachs hat das Jahresendziel für den Kupferpreis um mehr als 10 Prozent von 12.465 auf 13.735 US-Dollar je Tonne angehoben. Citigroup agiert noch offensiver und hält kurzfristig 14.500 US-Dollar sowie 15.000 US-Dollar innerhalb eines Jahres für möglich. Mit einem Plus von 10 Prozent seit Jahresbeginn hat das Industriemetall in seiner Performance bereits Gold übertroffen.
Die Banken begründen das weitere Aufwärtspotenzial nicht mit spekulativer Euphorie. Das aktuelle Preisniveau reflektiert ihrer Ansicht nach vielmehr ein fundamentales Ungleichgewicht zwischen verfügbarem Metall und dem tatsächlichen globalen Bedarf.
Großminen-Ausfälle verändern die globale Angebotsrechnung
Auf der Angebotsseite hat Goldman Sachs die Schätzung für die weltweite Kupferförderung um erhebliche 350.000 Tonnen gesenkt. Im Zentrum stehen dabei die beiden Großminen Grasberg in Indonesien und Kamoa-Kakula in der Demokratischen Republik Kongo. Nach schwerwiegenden operativen Vorfällen im vergangenen Jahr dürften beide Komplexe erst 2028 wieder ihre volle Kapazität erreichen.
Da Produktionsausfälle bei Großprojekten kurzfristig nicht kompensiert werden können und die Entwicklung neuer Vorkommen viel Zeit in Anspruch nimmt, fehlt dem Markt fest eingeplantes Material. Dieses Defizit verschärft die Angebotsbilanz spürbar.
Historisches Defizit außerhalb der USA
Parallel dazu verschieben sich die globalen Warenströme. Eine offene Importarbitrage – angetrieben durch signifikante Preisdifferenzen – zieht große Kupfermengen in die USA. Die US-Importe übertrafen im ersten Halbjahr 2026 die Erwartungen deutlich und dürften sich im kommenden Monat weiter beschleunigen.
Infolgedessen rechnet Goldman Sachs damit, dass das Kupferdefizit außerhalb des US-Marktes von den ursprünglich erwarteten 60.000 Tonnen auf 640.000 Tonnen ansteigen wird. Diese mehr als zehnfache Ausweitung des Defizits unterstreicht, wie stark die regionale Versorgungslage weltweit auseinanderdriftet.
US-Zölle wirken bereits als Preistreiber
Diese regionale Verknappung wird durch handelspolitische Faktoren verstärkt. Allein das Risiko potenzieller US-Zölle auf raffiniertes Kupfer veranlasst Marktakteure zu vorgezogenen Lieferungen und einem zusätzlichen Bestandsaufbau in den USA. Laut Citigroup stützt dieser präventive Mechanismus die Marktstimmung, da er die Knappheit außerhalb der USA künstlich erhöht. Der Kupferpreis reagiert somit zunehmend auf strategische Absicherungen entlang der Lieferketten.
KI und Energiewende treffen auf unelastisches Angebot
Auf der Nachfrageseite fungieren der Ausbau der Künstlichen Intelligenz und die Energiewende als resiliente, strukturelle Treiber. Beide Megatrends erfordern eine massive Erweiterung der elektrischen Infrastruktur. Das Minenangebot kann mit diesem Bedarf nicht Schritt halten.
Ein hoher Kupferpreis allein generiert nicht unmittelbar neues Metall. Für Kupferproduzenten und Explorationsunternehmen werden daher der Realisierungszeitraum, die technische Umsetzbarkeit und die geografische Lage neuer Projekte zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Geopolitische Risiken: Die Straße von Hormus
Zusätzliche Komplexität entsteht durch geopolitische Konflikte. HSBC warnt im Zusammenhang mit einer möglichen Schließung der Straße von Hormus vor einem generellen "Super-Squeeze" im Rohstoffsektor. Gestörte Handelsrouten stützen den Preis zwar durch knappere Lieferketten, treiben aber gleichzeitig die Transport- und Energiekosten der Minenbetreiber in die Höhe. Für Investoren rückt somit die Frage in den Fokus, welche Unternehmen steigende Erlöse auch tatsächlich in höhere Margen umwandeln können.
Fazit: Die Marktstruktur bei Kupfer bleibt äußerst angespannt. Strukturelle Nachfrage trifft auf ein gesunkenes Angebot und schrumpfende Lagerbestände außerhalb der USA. Ob die Marke von 15.000 US-Dollar erreicht wird, hängt maßgeblich von der operativen Erholung in Grasberg und Kamoa-Kakula, den US-Importströmen sowie möglichen Zollentwicklungen ab. Die zentrale Frage lautet derzeit nicht länger, ob Kupfer teuer ist, sondern welches Preisniveau erforderlich ist, um signifikant neues Angebot aus dem Boden zu mobilisieren.
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