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Urananreicherung: Dieser Engpass bedroht die globale Kernkraft-Renaissance

4 Min.
Urananreicherung: Dieser Engpass bedroht die globale Kernkraft-Renaissance

Die Kernkraft erlebt außerhalb Deutschlands weltweit ein Comeback. Viele Länder planen neue Reaktoren, stillgelegte Meiler sollen wieder zurück ans Netz, und der Strombedarf der Rechenzentren für Künstliche Intelligenz gibt der Branche zusätzlichen Rückenwind. Doch ein Kraftwerk ist nur so verlässlich wie seine Brennstoffversorgung. Ausgerechnet bei einem Zwischenschritt der Lieferkette, der Urananreicherung, wird es eng. Die USA drängen ihre Lieferanten deshalb, neue Anlagen schneller zu bauen.

Natürliches Uran enthält nur etwa 0,7 Prozent des spaltbaren Isotops Uran-235. Moderne Leistungsreaktoren brauchen jedoch einen Isotopenanteil von drei bis fünf Prozent. Diese Anreicherung erledigen Zentrifugenhallen. Ihre Leistung wird in sogenannten Trenneinheiten (SWU) gemessen.

Weltweit stehen laut World Nuclear Association gut 68 Millionen SWU im Jahr bereit, bis 2030 sollen es knapp 78 Millionen werden. Den Markt prägen vier Anbieter: Rosatom aus Russland, das europäische Konsortium Urenco, Frankreichs Orano und Chinas CNNC. Russlands Anteil an der weltweiten Kapazität ist besonders hoch. Er wird je nach Schätzung auf 35 bis 44 Prozent beziffert.

Die Preise ziehen bereits an

Das spüren die Märkte. Der Uran-Spotpreis liegt nach Cameco-Marktdaten bei rund 90 Dollar je Pfund, im September 2022 waren es gut 48 Dollar, langfristige Verträge kosten derzeit etwa 96,50 US-Dollar. Im Januar kratzte der Spotpreis zeitweise an der Marke von 100 US-Dollar. Das ist knapp eine Verdopplung in vier Jahren; die Beratungsfirma UxC spricht über fünf Jahre sogar von fast einer Verdreifachung.

Analysten schätzen, dass sich auch der Preis der Anreicherung auf etwa 200 US-Dollar je Trenneinheit verdreifacht hat, während die westliche Kapazität nur um rund vier Prozent wuchs. Der Engpass liegt damit weniger in den Minen als in der Fabrik. Für die Betreiber von Kernkraftwerken ist das heikel, denn Reaktoren werden Jahre im Voraus mit Brennstoff versorgt. Wer heute keinen Liefervertrag hat, läuft Gefahr, später den Preis eines knappen Marktes zu bezahlen.

Was Washington unternimmt

Das US-Energieministerium vergab im Januar Aufträge über jeweils 900 Millionen US-Dollar für neue Anlagen an Centrus, General Matter und Orano, zusammen also 2,7 Milliarden US-Dollar, verteilt auf zehn Jahre und die Zahlungen an konkrete Meilensteine gebunden, die erreicht werden müssen. Orano will in Tennessee bauen, General Matter in Kentucky.

Zwei der drei Aufträge zielen auf HALEU, also auf jenes bis zu 20 Prozent angereicherte Uran, das neuartige Reaktoren brauchen und das bisher kaum in kommerziellen Mengen erhältlich ist. Urenco erweitert seine Anlage in New Mexico bis 2027 um 700.000 Trenneinheiten und kündigte im Juni weitere 2,1 Millionen an.

Zugleich schließt Washington die Tür für Moskau: Seit 2024 ist die Einfuhr russischen Urans verboten, Ausnahmegenehmigungen laufen Ende 2027 aus. Verlängert werden sie nach Angaben des Ministeriums nicht. Die Botschaft an die Industrie ist damit klar formuliert: Der Markt für nicht-russisches Material soll wachsen, und zwar verlässlich genug, dass sich Milliardeninvestitionen für die Industrie auch lohnen.

Ein Rennen gegen die Zeit

Das Programm ist ehrgeizig, doch es hat auch einen gewaltigen Haken: Das Problem ist die Geschwindigkeit. Neue Anreicherungsanlagen brauchen Jahre, und auch bei den Reaktoren hakt es: Das bislang letzte neue Kernkraftwerk der USA ging 2024 ans Netz, deutlich verspätet und mit Kosten, die weit über dem geplanten Budget lagen.

Drei stillgelegte Meiler sollen deshalb reaktiviert werden. In Palisades in Michigan begann im September die Brennstoffladung, das frühere Three-Mile-Island-Werk Crane soll 2027 folgen, Duane Arnold in Iowa Anfang 2029. Keiner dieser Meiler liefert bisher Strom. Die USA sind zwar der größte Atomstromerzeuger der Welt, decken damit aber nur etwa 18 Prozent ihres Strombedarfs.

Auch Europa hat ein Russlandproblem

Frankreich bezieht rund 70 Prozent seines Stroms aus Kernkraft und importierte 2025 laut Zolldaten 39 Prozent seines angereicherten Urans aus Russland. Anders als die USA hat die Europäische Union kein Importverbot für angereichertes Uran aus Russland erlassen. Die Kommission kündigte im Mai 2025 zwar einen schrittweisen Ausstieg an, hat aber bislang noch keinen konkreten Vorschlag vorgelegt.

Urenco-Chef Boris Schucht warnt deshalb, diese Unsicherheit bremse Investitionen in europäische Anlagen. Urenco fürchtet zudem, russische Mengen könnten über Umwege in andere Märkte gelangen, wenn Europa und die USA unterschiedlich streng vorgehen. Hinzu kommt ein ganz anderer Engpass: In diesem Sommer mussten französische Reaktoren im Juni und Juli abgeschaltet oder gedrosselt werden, weil die Flüsse aus denen das Kühlwasser entnommen wird zu warm waren oder einen zu niedrigen Wasserstand aufwiesen.

Ob die angestrebte Renaissance der Kernkraft gelingt, entscheidet sich nicht nur auf den Baustellen für neue Reaktoren, sondern primär in den Hallen, in denen die Zentrifugen für die Anreicherung stehen. Wer außerhalb Russlands Kapazität aufbaut, hat gute Karten, doch die Projekte sind noch Jahre vor der Fertigstellung entfernt.

Bis dahin bleiben viele Käufer auf die bestehenden Lieferanten angewiesen, und dazu gehört – ob man will oder nicht - weiterhin Russland. Wer die Branche beobachtet, sollte deshalb auf Meilensteine, Genehmigungen und die politischen Entscheidung in den USA und in der EU achten. Der Uranpreis ist ein wichtiger Indikator, aber gewiss nicht der einzige.

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