Quick Reference
- Formel
- Goldpreis ÷ Silberpreis
- Bedeutung
- wie viele Unzen Silber für eine Unze Gold
- Aktueller Wert
- ca. 64 *(Stand: 07.05.2026)*
- Geologisches Verhältnis
- ~ 19:1
- Historischer Durchschnitt (50 Jahre)
- 60 – 65
- Bimetallischer Standard (USA bis 1873)
- 16:1
- Allzeit-Tief
- ~ 14 (Januar 1980, Hunt Brothers)
- Allzeit-Hoch
- ~ 125 (März 2020, COVID-Crash)
Inhalt
Auf einen Blick
- Was ist die Ratio? Die Anzahl Unzen Silber, die man für eine Unze Gold bekommt. Bei aktuellen Preisen von rund 4.700 USD/oz Gold und 73 USD/oz Silber liegt sie bei etwa 64.
- Warum ist sie wichtig? Sie ist der wichtigste relative Bewertungsindikator zwischen den beiden Edelmetallen – Anleger nutzen sie seit Jahrzehnten für Allokationsentscheidungen.
- Die Logik: Über 80 wirkt Silber relativ günstig zu Gold (Kaufsignal Silber), unter 40 relativ teuer (Kaufsignal Gold). Mean Reversion zu historischen Mittelwerten ist der Trade.
- Historisches Spektrum: Von 14 (Hunt-Brothers-Spitze 1980) bis 125 (COVID-Panik März 2020) – die Bandbreite ist enorm und schafft Trading-Chancen.
- Wichtigster Caveat: Die Solar-PV-Revolution hat die industrielle Silbernachfrage strukturell verändert – frühere Ratio-Mittelwerte sind nicht zwingend Zielwerte für die Zukunft.
1. Was ist die Gold-Silber-Ratio?
Die Gold-Silber-Ratio ist eine simple Verhältniszahl: Sie gibt an, wie viele Unzen Silber man für eine Unze Gold bekommt. Wenn Gold bei 4.700 USD und Silber bei 73 USD je Unze notiert, beträgt die Ratio rund 64 (4.700 ÷ 73 = 64,4). Das heißt: Ein Anleger müsste 64 Unzen Silber verkaufen, um eine Unze Gold zu kaufen.
So banal die Berechnung – die Ratio ist eines der ältesten und meistzitierten Verhältnis-Indikatoren der Finanzgeschichte. Schon im Römischen Reich war das Wertverhältnis zwischen den beiden Edelmetallen offiziell festgelegt: 12:1, später 15:1. In den USA verankerte der Coinage Act von 1792 das Verhältnis bei 15:1, später bei 16:1 – ein Verhältnis, das unter dem Begriff „bimetallischer Standard" bekannt ist und bis zum „Crime of '73" (Demonetisierung des Silbers 1873) das amerikanische Geldsystem prägte.
Geologisch ist Silber rund 19-mal häufiger als Gold in der Erdkruste – das wäre die „natürliche" Ratio, wenn beide Metalle rein nach Knappheit bewertet würden. Real schwankt die Ratio aber zwischen extremen Werten: 14 in der Hunt-Brothers-Spitze 1980, 125 im COVID-Crash 2020. Diese enorme Bandbreite ist der Grund, warum die Ratio für Anleger so interessant ist – sie schafft regelmäßig Bewegungs-Spielraum, den aktive Trader nutzen können.
Für Edelmetall-Anleger gilt sie heute als wichtigster relativer Bewertungsindikator – nicht als absoluter Wahrheitswert, sondern als zeitgemäßer Maßstab dafür, ob aktuell Gold oder Silber das attraktivere Investment ist.
→ Mehr zu den beiden Metallen: Gold: Der ultimative sichere Hafen und Silber: Edelmetall mit Industrie-Doppelrolle.
2. Wie sich die Ratio berechnet
Die Berechnung selbst ist trivial:
Gold-Silber-Ratio = Goldpreis pro Unze ÷ Silberpreis pro Unze
Wichtig dabei: Beide Preise müssen in derselben Währung und für dieselbe Einheit (Unze) angegeben sein. Üblicherweise wird die Ratio aus den USD-Preisen pro Feinunze berechnet, was auch für deutsche und europäische Anleger funktioniert, weil Wechselkurseffekte sich aus Zähler und Nenner herauskürzen.
Aktuelles Beispiel (07.05.2026):
- Goldpreis: ca. 4.700 USD/oz
- Silberpreis: ca. 73 USD/oz
- Ratio: 4.700 ÷ 73 = 64,4
Beispiel aus der Historie:
- Januar 1980 – Hunt-Brothers-Spitze:
- Goldpreis: ca. 700 USD/oz - Silberpreis: ca. 50 USD/oz - Ratio: 700 ÷ 50 = 14
- März 2020 – COVID-Crash:
- Goldpreis: ca. 1.500 USD/oz - Silberpreis: ca. 12 USD/oz - Ratio: 1.500 ÷ 12 = 125
Diese drei Datenpunkte zeigen die dramatische Bandbreite der Ratio. Eine Bewegung von 64 auf 80 ist eine relative Ratio-Veränderung von 25 % – und damit eine Bewegung, die für Trader gut handelbar ist. Eine Bewegung von 125 auf 60 (wie zwischen März 2020 und Mitte 2024) ist eine Halbierung – und einer der profitabelsten Edelmetall-Trades des Jahrzehnts.
Eine wichtige praktische Beobachtung: Die Ratio sagt nichts darüber aus, welches Metall sich bewegt hat, um das aktuelle Verhältnis zu erzeugen. Eine Ratio-Senkung von 80 auf 60 kann bedeuten:
- Silber stieg stark, Gold blieb stabil (klassischer Bullmarkt-Verlauf)
- Beide Metalle stiegen, Silber überproportional (typischer Edelmetall-Boom)
- Beide Metalle fielen, Silber weniger (selten)
Wer mit der Ratio arbeitet, muss daher immer beide Preise im Blick behalten – die Ratio ist nicht der Trade selbst, sondern das Signal.
3. Die historische Entwicklung der Ratio
Die Ratio zeigt über die letzten 50 Jahre eine charakteristische Wellen-Bewegung mit ausgeprägten Extremen. Die wichtigsten Punkte:
- Datum: Januar 1980 · Ratio: ~ 14 · Kontext: Hunt-Brothers-Spitze, Silber nahe 50 USD
- Datum: Februar 1991 · Ratio: ~ 100 · Kontext: Silber-Bärenmarkt, Industrieflaute
- Datum: April 2011 · Ratio: ~ 32 · Kontext: Silber-Hoch nahe 50 USD, Edelmetall-Bullmarkt
- Datum: Februar 2016 · Ratio: ~ 83 · Kontext: Edelmetall-Tief nach mehrjähriger Korrektur
- Datum: September 2019 · Ratio: ~ 90 · Kontext: Vor dem Beginn des aktuellen Bullmarkts
- Datum: März 2020 · Ratio: ~ 125 · Kontext: COVID-Crash, Silber kollabiert auf 12 USD
- Datum: Februar 2021 · Ratio: ~ 65 · Kontext: Silber-Recovery durch Reddit-Squeeze
- Datum: Mai 2024 · Ratio: ~ 85 · Kontext: Goldpreis-Outperformance
- Datum: Januar 2026 · Ratio: ~ 43 · Kontext: Silber-Spitze bei knapp 100 USD
- Datum: Mai 2026 · Ratio: ~ 64 · Kontext: Korrektur, Gold-Outperformance
Drei Beobachtungen aus diesen Daten:
Erstens: Die Ratio bewegt sich in Wellen. Tiefs und Hochs wechseln sich in Zyklen von etwa 5–15 Jahren ab. Die Ratio ist damit nicht zufällig, sondern folgt erkennbaren Mustern.
Zweitens: Die Ratio-Tiefs fallen oft mit Bullmarkt-Spitzen zusammen. Die niedrigen Ratios von 1980 (14) und 2011 (32) markierten genau die Zeitpunkte, an denen Silber seine Allzeit-Hochs erreichte – und an denen erfahrene Anleger längst zu Gold rotiert hatten.
Drittens: Die Ratio-Hochs sind statistisch attraktive Einstiegspunkte für Silber. Die Hochs 1991 (100), 2016 (83), 2019 (90) und 2020 (125) waren jeweils gefolgt von signifikanten Silber-Outperformances in den Folgejahren.
Strukturelle Verschiebung seit 2010:
Bis etwa 2010 lag die Ratio meist in einer Bandbreite von 40–80, mit einem Mittelwert um 60. Seit 2011 sind die Mittelwerte deutlich gestiegen – einerseits, weil Gold stärker als Silber von Zentralbankkäufen und geopolitischer Unsicherheit profitierte; andererseits, weil Silbers monetäre Rolle weiter geschwunden ist und seine Industriedemand zwar wuchs, aber nicht ausreichend, um die Ratio zu drücken. Der strukturelle Mittelwert der letzten 15 Jahre liegt bei rund 75–80, deutlich über dem 50-Jahres-Durchschnitt.
Erst seit 2024 hat sich die Ratio wieder Richtung historischer Mittelwerte bewegt – getrieben von der Solar-PV-Demand und dem strukturellen Angebotsdefizit bei Silber.
4. Was die Ratio Anlegern signalisiert
Die Ratio funktioniert als Investitionssignal nach dem Prinzip der Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert). Die Grundannahme: Wenn die Ratio extreme Werte erreicht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie sich wieder zum historischen Mittelwert bewegt.
Klassische Interpretationen:
- Ratio-Bereich: < 40 · Signal: Silber relativ teuer · Empfehlung: Gewinne in Silber realisieren, in Gold rotieren
- Ratio-Bereich: 40 – 60 · Signal: Neutrale Zone · Empfehlung: 50/50-Allokation, beobachten
- Ratio-Bereich: 60 – 80 · Signal: Silber relativ günstig · Empfehlung: Silber-Anteil erhöhen
- Ratio-Bereich: > 80 · Signal: Silber stark unterbewertet · Empfehlung: Silber-Allokation maximieren
- Ratio-Bereich: > 100 · Signal: Extremwert · Empfehlung: Silber kaufen, Gold reduzieren
Wichtig: Diese Schwellenwerte sind Daumenregeln, keine Naturgesetze. Sie funktionieren, weil sich die Ratio über Jahrzehnte als rückkehrend erwiesen hat – nicht, weil es ein fundamentales Gesetz dafür gibt. Strukturelle Verschiebungen (etwa durch die Energiewende oder Demonetisierung) können die Mittelwerte verändern.
Die Ratio im Bullmarkt-Verlauf:
In Edelmetall-Bullmärkten zeigt die Ratio ein typisches Muster: Sie beginnt hoch (Silber „verschlafen"), komprimiert sich während der mittleren Bullmarkt-Phase (Silber holt auf), und erreicht oft ein Tief in der Endphase (Silber überschießt deutlich). Wer dieses Muster kennt, weiß: Eine sehr niedrige Ratio ist nicht unbedingt ein Kaufsignal für Silber – sie ist möglicherweise das Verkaufssignal des gesamten Edelmetall-Zyklus.
- Bullmarkt: 1971–1980 · Start-Ratio: ~ 22 (Start), kurz 38 (Mitte) · Ende-Ratio: 14 (Top) · Verlauf: klassisches Muster
- Bullmarkt: 2001–2011 · Start-Ratio: ~ 65 · Ende-Ratio: 32 (April 2011) · Verlauf: klassisches Muster
- Bullmarkt: 2020–laufend · Start-Ratio: ~ 90 · Ende-Ratio: ~ 43 (Jan 2026) · Verlauf: bisher klassisches Muster
Die Frage, die Anleger heute stellen sollten: Sind wir im Mai 2026 bei einer Ratio von 64 noch in der mittleren Bullmarkt-Phase, oder nähern wir uns der Endphase? Die Antwort entscheidet über die optimale Allokation zwischen Gold und Silber für die kommenden 1–3 Jahre.
→ Wer noch nicht in Gold oder Silber investiert ist, beginnt mit dem Gold-Lexikon und dem Silber-Lexikon.
5. Trading-Strategien mit der Ratio
Es gibt drei Hauptstrategien, mit denen Anleger die Ratio aktiv nutzen können – mit unterschiedlichem Risiko-Profil und Aufwand.
Strategie 1: Tilt-Allokation (für die meisten Anleger geeignet)
Die einfachste und sicherste Methode. Statt zwischen Gold und Silber zu wechseln, behält der Anleger eine 50/50-Basis-Allokation und tiltert sie je nach Ratio-Stand:
- Ratio: < 40 · Gold-Anteil: 70 % · Silber-Anteil: 30 %
- Ratio: 40 – 60 · Gold-Anteil: 60 % · Silber-Anteil: 40 %
- Ratio: 60 – 80 · Gold-Anteil: 40 % · Silber-Anteil: 60 %
- Ratio: > 80 · Gold-Anteil: 30 % · Silber-Anteil: 70 %
Beim Erreichen einer neuen Schwelle wird die Allokation in eine Richtung verschoben – nicht durch Verkauf des einen Metalls, sondern durch gezieltes Nachkaufen des unterbewerteten Metalls mit neuem Geld. Diese Strategie ist steuereffizient (keine Verkäufe = keine Kapitalertragsteuer), psychologisch leicht durchhaltbar und langfristig robust.
Strategie 2: Aktive Ratio-Rotation (für aktive Anleger)
Hier wechselt der Anleger das gesamte Edelmetall-Portfolio zwischen Gold und Silber, je nach Ratio-Stand. Beim Erreichen extremer Werte wird die gesamte Position rotiert:
- Ratio steigt auf 95 → komplett in Silber
- Ratio fällt auf 35 → komplett in Gold
- Wechselpunkt: typisch jenseits der 80er- bzw. unter der 40er-Marke
Vorteil: Maximaler Hebel auf die Ratio-Bewegung. Nachteil: Steuerlich teuer (jede Rotation löst potenziell Kapitalertragssteuer aus, bei physischem Silber zudem MwSt-Problematik), psychologisch schwer durchhaltbar (Markttiming ist hart), Liquiditätsrisiko bei größeren Positionen.
Strategie 3: Mining-Aktien-Selektion über die Ratio (für Aktien-orientierte Anleger)
Statt zwischen physischen Metallen zu rotieren, nutzt der Anleger die Ratio, um zwischen Gold-Mining-Aktien und Silber-Mining-Aktien zu rotieren. Da Silber-Aktien typischerweise mit einem 1,5–2-fachen Hebel zum Silberpreis reagieren, verstärkt sich die Ratio-Wirkung:
- Bei niedriger Ratio (< 40): Schwergewichtung von Gold-Mining (Newmont, Barrick, Agnico Eagle)
- Bei hoher Ratio (> 80): Schwergewichtung von Silber-Mining (Pan American Silver, First Majestic, Hecla, Wheaton Precious Metals)
Vorteil: Höchste Hebelwirkung, Cashflow- und Dividenden-Komponente. Nachteil: Operatives Mining-Risiko überlagert die reine Ratio-Wette.
→ Vertiefend: Lassonde-Curve verstehen und Royalty- und Streaming-Modell verständlich erklärt.
6. Praxisbeispiel: Wie ein Ratio-bewusster Anleger 2020–2026 rotierte
Stellen wir uns einen fiktiven, ratio-bewussten Anleger vor, der im März 2020 mit einem Edelmetall-Budget von 100.000 EUR startete. Seine Strategie: Tilt-Allokation nach Ratio-Schwellenwerten, mit Anpassungen alle 6–12 Monate.
März 2020: Start mit Ratio bei 125
Die Ratio ist auf einem historischen Extrem. Der Anleger investiert maximal aggressiv in Silber:
- 30.000 EUR Gold (rund 16 oz bei 1.700 EUR/oz)
- 70.000 EUR Silber (rund 5.180 oz bei 13,50 EUR/oz)
Februar 2021: Ratio fällt auf 65
Silber hat sich von 13,50 auf 24 EUR mehr als verdoppelt, Gold leicht gestiegen auf 1.480 EUR. Portfolio-Wert: ca. 148.000 EUR. Anleger reduziert auf 60/40 Gold/Silber, indem er Silber teilweise in Gold tauscht.
Mai 2024: Ratio bei 85
Silber ist über mehrere Jahre zurückgeblieben (auf 27 EUR), Gold hat über 2.300 EUR/oz erreicht. Anleger erhöht Silber-Anteil wieder auf 60 % – nutzt erstes verfügbares Kapital, um Silber zuzukaufen.
Januar 2026: Ratio bei 43
Silber-Boom hat Silberpreis auf rund 95 EUR/oz getrieben, Gold steht bei 4.100 EUR. Portfolio-Wert: ca. 350.000 EUR. Anleger reduziert Silber-Anteil auf 30 % und rotiert Gewinne in Gold.
Mai 2026: Ratio bei 64
Silber ist auf 67 EUR korrigiert, Gold auf 4.300 EUR. Portfolio-Wert: ca. 320.000 EUR. Allokation: 70 % Gold, 30 % Silber – der Anleger wartet ab, ob die Ratio weiter steigt (dann Silber-Nachkäufe) oder fällt (dann Gold halten).
Vergleich zur Buy-and-Hold-Strategie:
Hätte der gleiche Anleger mit einer fixen 50/50-Allokation gehandelt und nicht rotiert, läge sein Portfolio aktuell bei rund 280.000 EUR. Die Ratio-aktive Strategie hat in diesem fiktiven, aber realistischen Szenario einen Mehrwert von rund 40.000 EUR über sechs Jahre erzielt – ohne in jedem einzelnen Schritt richtig liegen zu müssen.
Drei Beobachtungen aus dem Beispiel:
- Die Ratio funktioniert über mittlere Zeiträume. Der erste große Trade (März 2020 → Februar 2021) brachte die größte Performance – weil das Ratio-Extrem 125 historisch außergewöhnlich war.
- Geduld ist Pflicht. Zwischen Februar 2021 und Mai 2024 (also drei Jahre) blieb die Ratio in einer breiten Spanne. Aktivismus hätte hier mehr geschadet als genutzt.
- Steuerliche Effizienz schlägt Aktivismus. Wer in den 6 Jahren maximal 4–5 Allokations-Anpassungen vornimmt, optimiert das Verhältnis aus Trading-Aufwand und Steuerlast.
7. Limitationen und Kritik
Die Ratio hat ihre treuen Anhänger, aber auch ernsthafte Kritiker. Drei Argumente verdienen besondere Aufmerksamkeit.
1. Die strukturelle Verschiebung
Wer die Ratio mit dem 50-Jahres-Mittelwert von 60 vergleicht, ignoriert eine wichtige strukturelle Veränderung: Silber hat seine monetäre Rolle weitgehend verloren. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Silber Teil des globalen Geldsystems – heute ist es überwiegend Industrierohstoff. Diese Demonetisierung erklärt einen Teil des langfristigen Ratio-Anstiegs und macht direkte Vergleiche mit dem 19. Jahrhundert (Ratio meist 16:1) wenig aussagekräftig.
2. Die Industrie-Demand-Komponente
Anders als Gold ist Silber zur Hälfte ein Industriemetall – die Solar-PV-Revolution, KI-Server und E-Mobilität haben strukturell neue Nachfragetreiber geschaffen, die in der historischen Ratio-Logik nicht berücksichtigt sind. Theoretisch könnte das die Ratio dauerhaft auf niedrigeren Werten halten, weil Silber nicht nur monetär, sondern auch industriell bewertet wird.
3. Die Selbstreferenz des Konzepts
Wenn alle Edelmetall-Anleger nach derselben Ratio-Logik handeln, neutralisiert sich der Vorteil. Die Ratio funktioniert teilweise deshalb, weil viele Anleger sie eben nicht beachten. Sollte sich das Konzept stark verbreiten, könnte sich die Mean-Reversion-Charakteristik abschwächen – ein klassischer Fall von „Was alle wissen, ist nichts wert".
4. Sie sagt nichts über die Richtung des Gesamtmarktes aus
Die Ratio sagt nur, welches der beiden Edelmetalle relativ besser ist – nicht, ob beide steigen oder fallen werden. In einem absoluten Bärenmarkt für Edelmetalle (wie 2011–2015) verliert auch der „bessere" Trade Geld; er verliert nur weniger.
Praktische Konsequenz:
Die Ratio ist ein wertvolles, aber kein alleiniges Werkzeug. Wer mit ihr arbeitet, sollte sie immer mit fundamentaler Analyse (Goldpreis-Treiber, Silber-Industriedemand) und makroökonomischer Einschätzung (Realzinsen, USD, Geopolitik) kombinieren – nicht als alleiniges Entscheidungskriterium verwenden.
8. Wie Anleger die Ratio konkret nutzen können
Vier praxistaugliche Anwendungen, die unterschiedliche Anleger-Typen abdecken:
Für den langfristigen Edelmetall-Sparer:
Die Tilt-Allokation. Beim regelmäßigen Sparplan-Kauf entscheidet die aktuelle Ratio, ob das nächste Geld in Gold oder Silber fließt. Über Jahre hinweg entsteht so automatisch ein Portfolio, das günstig auf das jeweils unterbewertete Metall überproportional gewichtet ist – ohne dass aktiv getradet werden muss.
Für den aktiven Anleger:
Die Ratio-Rotation an extremen Punkten. Erst bei Werten unter 40 oder über 90 wird die Position deutlich verschoben. Zwischen diesen Extremen ist die Ratio ein Beobachtungs-Tool, kein Handelssignal. Wer nur 1–2 Trades pro Jahrzehnt macht und dafür die wirklichen Extreme nutzt, fährt häufig besser als jemand, der monatlich anpasst.
Für den Mining-Aktien-Investor:
Die Ratio als Selektions-Filter zwischen Gold- und Silber-Aktien. Ein Anleger, der ohnehin eine Mining-Position aufbaut, kann die Ratio nutzen, um die Gewichtung zwischen Gold-Producer (z. B. Agnico Eagle, Newmont) und Silber-Producer (z. B. Pan American, First Majestic, Hecla) zu steuern. Gerade Silver-Streamer wie Wheaton Precious Metals profitieren überproportional, wenn die Ratio von hohen Werten zurückgeht.
Für den Trader:
Pair-Trades über Futures oder ETFs. Long-Silber/Short-Gold bei hohen Ratios, umgekehrt bei niedrigen. Diese Strategie ist marktneutral (sie funktioniert auch im Bärenmarkt), erfordert aber Margin-Kapital und genaue Position-Sizing. Für Privatanleger meist zu komplex – aber konzeptuell die reinste Form des Ratio-Trades.
Welche Strategie für wen?
- Edelmetall-Sparer: Tilt-Allokation
- Edelmetall-Anleger mit Buy-and-Hold: Tilt-Allokation, optional Rotation an Extremen
- Aktiver Anleger: Ratio-Rotation an Extremen
- Mining-Aktien-Investor: Ratio als Selektions-Filter
- Erfahrener Trader: Pair-Trades / Futures
9. Fazit
Die Gold-Silber-Ratio ist eines der ältesten und gleichzeitig praktischsten Konzepte der Edelmetall-Analyse. Sie liefert keine perfekte Vorhersage, aber einen disziplinierten Rahmen, der Anleger zwingt, gegen den Strom zu denken: Silber kaufen, wenn alle nur über Gold reden – und umgekehrt.
Drei Take-aways:
- Die Ratio ist ein Bewertungsindikator, kein Trading-Algorithmus. Sie funktioniert in mittleren Zeiträumen (1–5 Jahre), nicht in Tages- oder Wochen-Charts. Wer sie kurzfristig handelt, frustriert sich – wer sie langfristig nutzt, profitiert.
- Strukturelle Veränderungen sind real. Solar-PV, KI-Server, E-Mobilität haben Silber industriell aufgewertet. Die historischen Mittelwerte der Ratio sind nicht zwingend Ziel-Werte für die Zukunft. Anleger sollten neue Mittelwerte aus den letzten 15 Jahren ableiten, nicht aus dem 19. Jahrhundert.
- Tilt schlägt Rotation für die meisten Anleger. Vollrotationen bei jedem Schwellenwert kosten Steuern und Nerven. Ein graduelles Anpassen der Allokation – z. B. von 50/50 auf 70/30 – ist robuster und langfristig oft profitabler als aggressives Hin und Her.
Die Ratio ist 2026 ein besonders interessantes Werkzeug: Mit aktuell 64 stehen wir nahe dem 50-Jahres-Mittelwert, aber deutlich unter den Hochs von 2020 (125) und 2024 (85). Das bedeutet: Weder Silber noch Gold ist offensichtlich unterbewertet, aber eine Ratio von 40 (klassisches Bullmarkt-Endsignal) ist noch nicht erreicht. Anleger, die diesen Zwischenstand verstehen, können ihre Allokation präzise an die nächste Phase des Edelmetall-Zyklus anpassen.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet eine Gold-Silber-Ratio von 64?
Bei aktuellen Preisen bedeutet das: Eine Unze Gold ist 64 Mal so viel wert wie eine Unze Silber. Wer eine Unze Gold kaufen will, müsste 64 Unzen Silber verkaufen. Historisch liegt die Ratio von 64 leicht über dem 50-Jahres-Mittelwert, aber unter dem strukturellen Mittelwert der letzten 15 Jahre (rund 75–80).
Welche Ratio gilt als Kaufsignal für Silber?
Klassisch: Werte über 80 gelten als Hinweis darauf, dass Silber relativ zu Gold unterbewertet ist. Werte über 100 gelten als extrem und führen historisch fast immer zu mehrjähriger Silber-Outperformance. Wichtig: Ein hoher Ratio-Wert ist kein Kaufsignal für die absolute Edelmetall-Allokation – er sagt nur, dass innerhalb der Edelmetalle Silber besser ist als Gold.
Funktioniert die Ratio in Bärenmärkten genauso?
Im Prinzip ja, aber mit einem entscheidenden Unterschied: In absoluten Bärenmärkten verlieren beide Metalle Wert. Die Ratio zeigt nur, **welches** weniger fällt. Wer in einem Bärenmarkt nur auf die Ratio achtet und die Gesamtmarkt-Richtung ignoriert, verliert trotz „richtiger" Ratio-Position Geld. Die Ratio sollte daher mit einer Einschätzung der absoluten Edelmetall-Richtung kombiniert werden.
Wie häufig sollte man die Ratio prüfen?
Für Tilt-Allokation reicht es vollkommen, die Ratio einmal pro Quartal zu überprüfen. Aktive Rotations-Strategien profitieren von monatlicher Überprüfung. Tägliche Beobachtung ist nur für Pair-Trader sinnvoll – und führt bei Privatanlegern oft zu Übertrading und Performance-Verlust.
Wo finde ich aktuelle Ratio-Daten?
Die meisten Edelmetall-Plattformen (Kitco, BullionVault, gold.de, GOLDINVEST) zeigen die Ratio direkt an. Wer rechnen will: Aktuellen Goldpreis durch aktuellen Silberpreis teilen, beide in derselben Währung pro Unze. Historische Charts der Ratio gibt es bei macrotrends.net oder bei den meisten Bullionhändlern.
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