Quick Reference
- Konzept
- Aktienkurs-Lebenszyklus von Mining-Companies
- Erfinder
- Pierre Lassonde (Franco-Nevada)
- Synonyme
- Lifecycle Curve, Mining Stock Cycle
- Phase 1
- Konzept / Grassroots Exploration
- Phase 2
- Discovery (Erstentdeckung)
- Phase 3
- Spekulationsspitze
- Phase 4
- Enttäuschung / „Orphan Period"
- Phase 5
- Tal des Todes
Inhalt
Auf einen Blick
- Worum geht's? Die Lassonde-Curve beschreibt den typischen Aktienkurs-Verlauf von Mining-Companies über den Lebenszyklus eines Projekts – von der Idee bis zur reifen Produktion.
- Die Kernerkenntnis: Aktienkurs und Projektwert verlaufen nicht parallel. Während der Spekulationsspitze ist die Aktie überbewertet, im „Tal des Todes" deutlich unterbewertet.
- Das „Tal des Todes": Die Phase zwischen positiver Machbarkeitsstudie und Produktionsbeginn – langweilig, aber für Anleger oft die rentabelste Einstiegsphase.
- Praxis-Logik: Spekulanten kaufen in der Discovery-Phase, Value-Investoren im Tal des Todes, Dividenden-Anleger nach Produktionsstart.
- Der wichtigste Fehler: Die Curve funktioniert nur bei Projekten, die wirklich in Produktion gehen. Die meisten Junior-Explorer schaffen es nie dorthin.
1. Was ist die Lassonde-Curve – und wer ist Pierre Lassonde?
Die Lassonde-Curve ist eine konzeptuelle Kurve, die den typischen Aktienkurs-Verlauf einer Mining-Company über den Lebenszyklus eines Projekts beschreibt – von der ersten Idee bis zur reifen Produktion und schließlich zum Decline. Sie ist kein technisches Modell mit Formeln und exakten Werten, sondern ein Verhaltensmodell: Sie beschreibt, wie sich Aktienkurse verhalten, weil Anleger sich verhalten, wie sie sich verhalten.
Benannt ist sie nach Pierre Lassonde, einem der erfolgreichsten Mining-Investoren der Geschichte. 1947 in Quebec geboren, gründete er 1982 zusammen mit Seymour Schulich das Unternehmen Franco-Nevada – die heute weltweit größte Royalty- und Streaming-Company. Lassondes Geschäftsmodell war revolutionär: Statt selbst Minen zu betreiben, finanzierte er Mining-Projekte gegen einen prozentualen Anteil an späteren Förderungen. Damit umging er das operative Risiko einzelner Minen und partizipierte trotzdem am Goldpreis.
Über die Jahrzehnte beobachtete Lassonde, dass sich Mining-Aktien in einem wiederkehrenden Muster bewegen – einer Kurve, die er in Vorträgen und Interviews dokumentierte und die heute seinen Namen trägt. Die Kerneinsicht: Aktienkurs und realer Projektwert verlaufen nicht parallel. Aktien sind in bestimmten Phasen systematisch überbewertet (während der Discovery-Spekulation), in anderen Phasen systematisch unterbewertet (im „Tal des Todes" zwischen Studienabschluss und Produktion).
Wer diese Diskrepanz versteht, hat einen strukturellen Vorteil gegenüber dem Markt – gerade in einem Sektor, der so stark von Emotionen und FOMO getrieben wird wie Junior Mining.
2. Die sechs Phasen im Detail
Die Lassonde-Curve lässt sich in sechs aufeinanderfolgende Phasen gliedern, die jeweils unterschiedlich lange dauern und unterschiedliche Aktienkurs-Dynamiken aufweisen.
Phase 1: Konzept / Grassroots Exploration
Das Unternehmen besitzt eine Konzession und beginnt mit Geländearbeiten – Geochemie, Geophysik, Schurfgräben, erste Bohrlöcher. In dieser Phase ist die Bewertung niedrig und stabil; es gibt keine harten Daten, die den Aktienkurs treiben würden. Marktkapitalisierung typisch im einstelligen Millionenbereich.
Dauer: 1–4 Jahre · Aktienkurs: flach, niedriges Niveau
Phase 2: Discovery (Erstentdeckung)
Das Unternehmen veröffentlicht die ersten signifikanten Bohrergebnisse – „Discovery Hole". Die Aktie reagiert oft mit einem Vervielfacher: Verzehnfachungen sind nicht ungewöhnlich, in seltenen Fällen geht es noch dramatischer zu. Der Markt antizipiert das Potenzial einer ganzen Lagerstätte aus den ersten paar Bohrlöchern.
Dauer: Wochen bis Monate · Aktienkurs: explosiver Anstieg
Phase 3: Spekulationsspitze
Auf den Discovery-Hit folgen weitere Bohrungen, eine Maiden Resource, vielleicht eine erste PEA. Die Story baut sich auf, Analysten ziehen Kursziele, Newsletter-Schreiber preisen die Aktie. Der Aktienkurs erreicht Höchststände, die deutlich über dem fundamentalen Wert liegen. Hier ist der typische Verkaufspunkt für spekulative Anleger.
Dauer: 6–18 Monate · Aktienkurs: Plateau auf Hochniveau, oft mit Volatilität
Phase 4: Enttäuschung / „Orphan Period"
Mit jedem Schritt der Studien-Eskalation – PEA wird durch PFS verfeinert, Inferred-Ressourcen schrumpfen bei der Konversion zu Indicated, Capex steigt – kommt die Realität näher. Die ursprüngliche Phantasie wird durch konkrete Zahlen ersetzt, die fast immer nüchterner sind als erhofft. Spekulative Anleger verlassen die Aktie, neue Investoren halten sich zurück.
Dauer: 1–3 Jahre · Aktienkurs: schleichender Rückgang, oft 50–70 % vom Hoch
Phase 5: Tal des Todes
Die finale, dunkelste Phase vor der Produktion. Die DFS ist abgeschlossen, die Genehmigungen liegen vor, der Bau beginnt. Das Unternehmen braucht massive Finanzierungen – oft eine Kombination aus Eigenkapital (verwässernd!), Fremdkapital und Streaming-Vereinbarungen. Aktienkurs erreicht häufig ein mehrjähriges Tief, obwohl das Projekt fundamental nie näher an der Produktion war.
Dauer: 1–3 Jahre · Aktienkurs: mehrjähriges Tief
Phase 6: Re-Rating / Produktion
Mit dem ersten produzierten Doré-Barren oder dem ersten Konzentrat-Lieferschein verändert sich das Bewertungs-Universum. Plötzlich generiert das Unternehmen Cash Flow, kann Schulden bedienen, später sogar Dividenden zahlen. Wert-Investoren und institutionelle Fonds steigen ein. Der Aktienkurs erlebt häufig ein Re-Rating, das die früheren Hochs übertreffen kann.
Dauer: 1–2 Jahre für das initiale Re-Rating, danach Mature Production · Aktienkurs: signifikanter Anstieg
Phase 7 (optional): Reife Produktion / Decline
Nach mehreren Jahren stabiler Produktion sinken die Reserven. Ohne neue Funde läuft die Mine aus. Die Aktie verhält sich wie ein klassischer Industriewert – stabil, dividenden-getrieben, später schrumpfend.
Dauer: 5–25 Jahre · Aktienkurs: stabil bis langsam fallend
→ Wie diese Phasen mit der NI-43-101-Studienkette zusammenhängen, erklärt Abschnitt 8.
3. Warum die Curve so funktioniert: Psychologie und Marktstruktur
Die Lassonde-Curve ist im Kern eine Geschichte über Anlegerpsychologie. Drei Dynamiken treiben die typische Kurvenform:
Erstens: Phantasie schlägt Realität.
In der Discovery-Phase gibt es noch keine harten Bewertungsanker. Die Imagination kann beliebig groß werden: „Was, wenn das das nächste Voisey's Bay wird?" Mit jedem Bohrresultat wird die Phantasie neu genährt – aber jede Maiden Resource, jede PEA, jede PFS bringt nüchterne Zahlen, die die Phantasie eingrenzen. Der Aktienkurs reflektiert nicht die Veränderung der Wahrscheinlichkeit, sondern die Veränderung der Bandbreite des Möglichen.
Zweitens: Die unterschiedlichen Anlegertypen wechseln.
Mining-Aktien werden über ihren Lebenszyklus von völlig unterschiedlichen Investorengruppen gehalten:
- Discovery-Phase: Spekulative Privatanleger, Newsletter-Empfehlungen, FOMO-Käufe
- Spekulationsspitze: Hedgefonds, die auf Momentum setzen
- Tal des Todes: kaum jemand – die Spekulanten sind weg, die Institutionellen noch nicht da
- Produktion: Value-Investoren, Mining-Fonds, Dividenden-orientierte Anleger
Genau dieser Übergabezeitpunkt zwischen den Anlegertypen erzeugt das Tal des Todes. Es gibt schlicht zu wenig Käuferinteresse für ein Asset, das technisch betrachtet nie näher an seinem fundamentalen Wert war.
Drittens: Verwässerung im Tal des Todes.
Während der Bauphase braucht ein Junior-Unternehmen viel Kapital. Capex von 300–800 Mio. USD ist für die meisten Junior-Companies nur über eine Kombination aus Eigenkapital, Fremdkapital und Streaming-Verträgen finanzierbar. Eigenkapital-Erhöhungen verwässern bestehende Aktionäre – manchmal um 30–50 % über die gesamte Bauphase. Diese Verwässerung drückt den Aktienkurs zusätzlich, selbst wenn das Projekt fundamental gut voranschreitet.
Die Kombination dieser drei Dynamiken erklärt, warum die Lassonde-Curve so robust ist: Sie ist kein Kunstprodukt, sondern das natürliche Ergebnis von Anlegerverhalten, Marktstruktur und Unternehmens-Finanzierungslogik.
4. Das „Tal des Todes" – die wichtigste Phase für Anleger
Wenn ein Anleger nur eine Phase der Lassonde-Curve verstehen sollte, dann ist es das Tal des Todes. Hier liegt aus Sicht erfahrener Investoren die größte strukturelle Renditechance.
Was es ausmacht:
- DFS (oder zumindest robuste PFS) ist abgeschlossen
- Permits liegen vor oder sind in finaler Phase
- Construction Decision ist gefallen
- Finanzierung steht oder ist verhandelt
- Aktienkurs ist mehrjähriges Tief
In diesem Zustand ist das Projekt technisch und ökonomisch maximal validiert, aber emotional am wenigsten attraktiv. Es passieren keine spektakulären Bohrtreffer mehr, keine NPV-Sprünge in PEAs, keine Story-Driver. Die Aktie tritt auf der Stelle oder fällt sogar.
Warum es eine Renditechance ist:
Wenn das Unternehmen tatsächlich produziert, wird der Aktienkurs auf das fundamentale Bewertungsniveau eines Producers heben – typisch um den Faktor 2–4x über das Tal-des-Todes-Tief. Selbst konservative Anleger können in dieser Phase überdurchschnittliche Renditen erzielen, weil das Risiko gegenüber der Discovery-Phase deutlich kalkulierbarer ist:
- Die Lagerstätte ist bekannt
- Die Wirtschaftlichkeit ist studienbasiert belegt
- Die Genehmigungsrisiken sind minimiert
- Die Finanzierung ist geklärt
Was die Phase trotzdem riskant macht:
- Construction Risk: Bauverzögerungen oder Kostenexplosionen
- Ramp-up Risk: Erste Produktionsmonate verlaufen oft ineffizient
- Macro Risk: Plötzlicher Metallpreis-Crash kann das gesamte Geschäftsmodell sprengen
- Verwässerungs-Risiko: Weitere Eigenkapital-Erhöhungen während der Bauphase
Wer im Tal des Todes investiert, akzeptiert diese Risiken bewusst und verlangt dafür eine adäquate Renditeerwartung. Die historischen Beispiele für erfolgreiche Tal-des-Todes-Investments umfassen viele bekannte Mid-Tier-Producer, die heute zur Branche-Stütze gehören – Dundee Precious Metals, Lundin Mining, K92 Mining und andere.
5. Vulcan Gold im Praxis-Beispiel: Vom Discovery-Hype zum Reife-Produzent
Erinnerst du dich an Vulcan Gold Corp. aus dem Bohrmeldungs-Artikel und dem NI-43-101-Artikel? Wir haben das fiktive Junior-Unternehmen über vier Jahre begleitet – von der Phase-2-Bohrkampagne bis zur Construction Decision Mitte 2030. Schauen wir uns nun an, wie der Aktienkurs in diesem Zeitraum dem Lassonde-Schema folgt.
Annahme: Vulcan Gold-Aktie startet 2024 bei 0,15 CAD.
- Datum: Q1 2024 · Ereignis: Listing, erste Konzessionsmeldung · Aktienkurs: 0,15 CAD · Phase: Konzept
- Datum: Q3 2025 · Ereignis: Discovery Hole: 65 m mit 1,4 g/t Au · Aktienkurs: 0,80 CAD · Phase: Discovery
- Datum: Q1 2026 · Ereignis: Bohrmeldung, weitere Hochgrad-Hits · Aktienkurs: 1,40 CAD · Phase: Spekulationsspitze
- Datum: Q2 2026 · Ereignis: Maiden Resource: 1,2 Mio. oz Inferred · Aktienkurs: 1,75 CAD · Phase: Spekulationsspitze (Hoch)
- Datum: Q4 2026 · Ereignis: Erste Verwässerungs-Finanzierung · Aktienkurs: 1,30 CAD · Phase: Beginn Enttäuschung
- Datum: Q1 2027 · Ereignis: Resource Update: 0,9 Mio. oz Indicated, 0,9 Mio. oz Inferred · Aktienkurs: 1,40 CAD · Phase: Enttäuschung
- Datum: Q3 2027 · Ereignis: PEA: NPV 720 Mio. USD · Aktienkurs: 1,55 CAD · Phase: kurzes Hoch
- Datum: Q1 2028 · Ereignis: Beginn PFS, weitere Verwässerung · Aktienkurs: 1,05 CAD · Phase: Orphan Period
- Datum: Q4 2028 · Ereignis: PFS: NPV 580 Mio. USD, 0,7 Mio. oz Probable Reserve · Aktienkurs: 0,85 CAD · Phase: Tal des Todes beginnt
- Datum: Q3 2029 · Ereignis: Permitting-Verzögerung gemeldet · Aktienkurs: 0,55 CAD · Phase: Tal-des-Todes-Tief
- Datum: Q1 2030 · Ereignis: DFS: 1,1 Mio. oz P+P, NPV 750 Mio. USD · Aktienkurs: 0,90 CAD · Phase: Tal des Todes
- Datum: Q3 2030 · Ereignis: Construction Decision, Streaming-Deal · Aktienkurs: 1,10 CAD · Phase: Übergang zur Produktion
- Datum: Q4 2031 · Ereignis: Erste Doré-Produktion · Aktienkurs: 2,50 CAD · Phase: Re-Rating
- Datum: Q4 2032 · Ereignis: Stabile Produktion, erste Dividende · Aktienkurs: 3,80 CAD · Phase: Reife Produktion
Was diese Reise zeigt:
- Die Spekulationsspitze im Q2 2026 (1,75 CAD) wurde erst Ende 2031 wieder erreicht – fünf Jahre Geduld für Anleger der ersten Stunde.
- Das Tal-des-Todes-Tief im Q3 2029 (0,55 CAD) lag deutlich unter dem Discovery-Hoch von 1,40 CAD aus Q1 2026 – obwohl das Projekt fundamental viel weiter war.
- Wer im Tal des Todes kaufte (0,55–0,90 CAD), realisierte bis 2032 eine Performance von etwa 4–7x.
- Wer in der Spekulationsspitze kaufte (1,40–1,75 CAD), brauchte 4–5 Jahre, um die Einstandskosten zurückzuverdienen.
Das Beispiel ist fiktiv und idealtypisch – aber es illustriert, warum die Lassonde-Curve ein Werkzeug ist, das den Anleger zwingt, gegen die eigene Emotion zu handeln. Im Discovery-Hype wirkt jede Aktie wie eine Verzehnfachungschance. Im Tal des Todes wirkt jede Aktie wie ein Verlierer. Genau hier liegt der Wert der Curve: Sie macht die emotionale Falle explizit.
→ Mehr zur Reise eines Junior-Unternehmens durch die Studien-Stufen: Ressourcen vs. Reserven – NI 43-101 verständlich erklärt.
6. Wo die Curve nicht funktioniert
Die Lassonde-Curve ist ein mächtiges Modell – aber sie hat klare Grenzen. Wer sie unkritisch anwendet, läuft in mehrere Fallen.
1. Die meisten Junior-Explorer schaffen es nie zur Produktion.
Nach branchenüblichen Schätzungen werden nur etwa 1 von 1.000 Grassroots-Exploration-Projekten zu produzierenden Minen. Selbst von Projekten, die eine Maiden Resource melden, schaffen es weniger als 10 % bis zur DFS – und nur ein Bruchteil davon in die tatsächliche Produktion. Wer „im Tal des Todes" kauft und das Projekt scheitert nie an der Produktion, hat nicht günstig eingekauft, sondern Geld verloren.
Konsequenz: Die Lassonde-Curve gilt nur für Projekte, die tatsächlich in Produktion gehen. Vor jedem Tal-des-Todes-Investment muss die Wahrscheinlichkeit der Produktion realistisch eingeschätzt werden – das erfordert technisches Verständnis der DFS, der Permits, der Finanzierung.
2. Macro schlägt Mikro.
Die Curve beschreibt das Verhalten eines Unternehmens isoliert. Ein massiver Goldpreis-Crash oder eine globale Rezession kann jede Phase überschreiben. Ein Junior, der 2011 perfekt im Re-Rating stand, wurde vom mehrjährigen Goldbärenmarkt 2011–2015 trotzdem zerquetscht. Genauso können steigende Metallpreise einen schwachen Junior temporär nach oben tragen, ohne dass die Curve dies vorhersagt.
3. Management-Qualität entscheidet mit.
Ein hervorragendes Projekt mit schwachem Management kann scheitern. Ein durchschnittliches Projekt mit Top-Management kann durchstarten. Die Lassonde-Curve kennt keine Management-Variable – aber Anleger sollten sie immer mitdenken.
4. Geographische Risiken können die Curve flach machen.
Projekte in politisch riskanten Jurisdiktionen (z. B. Erythrea, Bolivien zu bestimmten Zeiten, manche afrikanische Staaten) erleben oft kein vollständiges Re-Rating – auch nach erfolgreicher Produktion bleibt der Bewertungsabschlag bestehen. Der Markt zahlt eine permanente Risikoprämie.
5. Streaming und Royalty-Verträge verändern die Curve.
Im Tal des Todes finanzieren sich viele Junior-Unternehmen über Streaming-Deals (z. B. mit Wheaton Precious Metals oder Franco-Nevada). Diese Verträge bringen sofortiges Geld, kosten aber langfristig einen Teil der Future Cash Flows. Das verändert die Aufwärtsdynamik beim Re-Rating: Der Hebel auf den Goldpreis ist gedämpfter, weil ein Teil der Förderung „verkauft" ist.
6. Senior-Übernahmen können die Curve abschneiden.
Manchmal wird ein Junior mitten im Tal des Todes oder kurz vor der Produktion von einem Senior-Producer übernommen. Die Aktionäre erhalten eine Prämie auf den aktuellen Kurs (typisch 20–40 %), aber das vollständige Re-Rating bleibt aus. Beispiele wie die Übernahme von Goldcorp durch Newmont 2019 oder zahlreiche Junior-Übernahmen seit 2020 zeigen, wie häufig diese Variante ist.
7. Wie Anleger die Curve nutzen können
Die Lassonde-Curve ist kein Kauf-/Verkaufssignal, sondern ein Bewertungsrahmen. Anleger, die sie systematisch nutzen, können ihre Mining-Investments deutlich präziser steuern.
Strategie 1: Discovery-Spekulation (hohes Risiko, hohe Rendite)
Geeignet für: erfahrene Spekulanten mit Risikobudget für Totalverlust.
Vorgehen: Junior-Explorer mit erstem Discovery-Hit kaufen, in der Spekulationsspitze verkaufen. Dauer: typisch 6–18 Monate. Rendite-Potenzial: 5–20x möglich, aber auch häufiger Totalverlust bei Folge-Bohrungen ohne Bestätigung.
Wichtig: Maximal 2–5 % des Portfolios pro Position, breite Streuung über mehrere Junior-Wetten.
Strategie 2: Tal-des-Todes-Investment (moderates Risiko, moderate-hohe Rendite)
Geeignet für: Value-orientierte Anleger mit Geduld für 2–4 Jahre.
Vorgehen: Junior-Companies mit abgeschlossener DFS, vorhandenen Permits und gesicherter Finanzierung kaufen, wenn der Aktienkurs mehrjähriges Tief erreicht hat. Dauer: 1–3 Jahre. Rendite-Potenzial: 2–5x bei erfolgreichem Re-Rating.
Wichtig: Sehr enge Selektion. Construction-Risk realistisch einschätzen. Capex-Inflations-Risiko beachten – DFSs auf Basis 2022er Kostenniveaus sind 2026 oft 30–40 % unterfinanziert.
Strategie 3: Producer-Investment (niedriges Risiko, moderate Rendite)
Geeignet für: konservative Anleger, Dividenden-orientiert.
Vorgehen: Etablierte Mid-Tier- oder Senior-Producer mit stabilem Cash Flow, niedrigen AISC (All-In Sustaining Costs) und langjährigen Reserven. Dauer: langfristig. Rendite-Potenzial: 50–200 % über 5–10 Jahre, plus Dividenden.
Wichtig: Auf Reserve Life Index achten – Producer mit unter 10 Jahren Reservenlebensdauer haben verstecktes Decline-Risiko.
Strategie 4: Royalty- und Streaming-Investment (niedriges-moderates Risiko, hohe Diversifikation)
Geeignet für: Anleger, die Mining-Exposure ohne operatives Risiko wollen.
Vorgehen: Royalty- und Streaming-Companies wie Franco-Nevada, Wheaton Precious Metals, Royal Gold oder Sandstorm Gold kaufen. Diese profitieren von Mining-Aktivitäten über Hunderte von Projekten gleichzeitig.
Vorteil: Diversifikation eliminiert das Single-Project-Risiko. Pierre Lassonde selbst hat sein Vermögen genau mit diesem Modell aufgebaut – sein eigener Zugang zur Mining-Welt war nie der einer Junior-Spekulation.
→ Mehr dazu: Royalty- und Streaming-Modell verständlich erklärt im Investieren-Dossier.
8. Verbindung zur NI-43-101-Studienkette
Die Lassonde-Curve ist eng verzahnt mit den Studien-Stufen, die NI 43-101 für Mining-Projekte vorschreibt. Das macht sie für Anleger besonders praktisch: Statt subjektiver Phaseneinordnung kann man sich an den objektiven Studien-Triggern orientieren.
- NI-43-101-Stufe: Konzession + erste Geländearbeit · Lassonde-Phase: Konzept · Typische Aktienkurs-Reaktion: flach
- NI-43-101-Stufe: Discovery Hole · Lassonde-Phase: Discovery · Typische Aktienkurs-Reaktion: +50 % bis +500 %
- NI-43-101-Stufe: Maiden Resource (Inferred) · Lassonde-Phase: Spekulationsspitze · Typische Aktienkurs-Reaktion: +20 % bis +80 %
- NI-43-101-Stufe: Resource Update (Konversion zu Indicated) · Lassonde-Phase: Spekulationsspitze (Hoch) · Typische Aktienkurs-Reaktion: +10 % bis +40 %
- NI-43-101-Stufe: PEA · Lassonde-Phase: kurzes Hoch · Typische Aktienkurs-Reaktion: +30 % bis +100 %
- NI-43-101-Stufe: PFS · Lassonde-Phase: Beginn Enttäuschung · Typische Aktienkurs-Reaktion: -10 % bis +20 % (oft enttäuschend)
- NI-43-101-Stufe: DFS / Construction Decision · Lassonde-Phase: Tal des Todes beginnt · Typische Aktienkurs-Reaktion: -10 % bis +10 %
- NI-43-101-Stufe: Bauphase / Verwässerung · Lassonde-Phase: Tal des Todes · Typische Aktienkurs-Reaktion: -30 % bis -60 %
- NI-43-101-Stufe: Erste Produktion · Lassonde-Phase: Re-Rating · Typische Aktienkurs-Reaktion: +50 % bis +200 %
- NI-43-101-Stufe: Stabile Produktion + Dividende · Lassonde-Phase: Reife Produktion · Typische Aktienkurs-Reaktion: langsamer Anstieg
Diese Tabelle ist die direkte Kopplung zwischen den Konzepten beider Artikel. Für Anleger bedeutet das: Wer die NI-43-101-Studienkette beherrscht, kann jede Mining-Aktie in eine Lassonde-Phase einsortieren – und damit eine Erwartungshaltung formulieren, was als nächstes passiert.
Eine wichtige Beobachtung: Die PFS-Veröffentlichung ist statistisch der am häufigsten enttäuschende Trigger. Inferred-Ressourcen schrumpfen bei der Konversion, Capex steigt, NPVs werden konservativer. Wer einen Junior mit naher PFS-Veröffentlichung im Portfolio hat, sollte auf eine Negativ-Reaktion vorbereitet sein – auch wenn die fundamentalen Daten objektiv gut sind.
→ Vertiefend: Ressourcen vs. Reserven – NI 43-101 verständlich erklärt im Bergbauwissen-Dossier.
9. Fazit
Die Lassonde-Curve ist eine der elegantesten und gleichzeitig praktischsten Konzepte im Mining-Investment. Sie macht aus einem chaotisch wirkenden Aktienkurs-Verlauf eine erkennbare Choreografie, an der sich Anleger orientieren können.
Drei Take-aways:
- Aktienkurs ≠ Projektwert. Die Diskrepanz zwischen beiden ist nicht ein Marktfehler, sondern strukturell – getrieben von Anlegerpsychologie und Marktstruktur. Wer das versteht, kauft nicht in der Spekulationsspitze und verkauft nicht im Tal des Todes.
- Das Tal des Todes ist die strategisch wertvollste Phase. Nirgends ist das Verhältnis von Risiko zu Rendite besser als bei Junior-Companies kurz vor der Produktion. Aber: Sehr enge Selektion ist Pflicht – die meisten Junior-Companies erreichen die Produktion nie.
- Die Curve ist ein Rahmen, kein Rezept. Macro-Faktoren, Management-Qualität, geographische Risiken und Übernahmen können jede Phase überschreiben. Anleger sollten die Curve mit fundamentaler Analyse und Portfolio-Diversifikation kombinieren.
Die Lassonde-Curve ist in einer Welt, in der jede Junior-Pressemitteilung nach Sensation klingt, die wichtigste Disziplin-Brille für Mining-Anleger. Sie zwingt zur Frage: „In welcher Phase steht dieses Unternehmen wirklich?" – und ermöglicht damit Investmententscheidungen, die nicht von der Schlagzeile des Tages getrieben sind, sondern vom Lebenszyklus eines Projekts.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Pierre Lassonde?
Pierre Lassonde, geboren 1947 in Quebec, ist einer der erfolgreichsten Mining-Investoren der Geschichte. 1982 gründete er gemeinsam mit Seymour Schulich Franco-Nevada, die heute weltweit größte Royalty- und Streaming-Company. Das Unternehmen wurde 2002 für 2,3 Mrd. CAD an Newmont verkauft und 2007 erneut an die Börse gebracht. Lassonde ist auch als Philanthrop und Sammler bekannt; sein Geschäftsmodell hat ganze Generationen von Mining-Investoren geprägt.
Wann sollte man eine Mining-Aktie nach der Lassonde-Curve kaufen?
Es gibt drei „rationale" Einstiegspunkte: Erstens kurz nach der Discovery, wenn man bereit ist, das Risiko von Folge-Enttäuschungen zu tragen. Zweitens im Tal des Todes, wenn DFS und Permits stehen und die Finanzierung gesichert ist – das ist statistisch der renditeträchtigste Einstieg. Drittens bei reifen Producern für Dividenden und Stabilität. Was nicht passt, ist der Kauf in der Spekulationsspitze – dort werden Phantasie-Bewertungen gezahlt, die meist über Jahre nicht wieder erreicht werden.
Wie lange dauert das „Tal des Todes" typischerweise?
Zwischen positiver DFS und erster stabiler Produktion liegen typisch 2–4 Jahre. Das Tal-des-Todes-Tief im Aktienkurs erreicht ein Junior meist in den letzten 6–18 Monaten dieser Phase, wenn die Bauphase voll im Gang ist und die letzten Verwässerungs-Finanzierungen anstehen. Verzögerungen bei Permits oder beim Bau können das Tal um Jahre verlängern – ein wichtiges Risiko.
Funktioniert die Lassonde-Curve auch bei Lithium-, Kupfer- oder anderen Mining-Aktien?
Ja, das Konzept ist auf alle Mining-Sektoren anwendbar – Edelmetalle, Basismetalle, Batteriemetalle, kritische Mineralien. Allerdings gibt es feinkörnige Unterschiede: Bei Kupfer-Projekten ist die Bauphase oft länger (5+ Jahre) und teurer (1–5 Mrd. USD Capex), das Tal des Todes entsprechend tiefer. Bei Lithium-Projekten haben Spot-Preis-Schwankungen einen viel stärkeren Einfluss auf die Curve als bei Gold.
Ist die Lassonde-Curve heute überhaupt noch relevant?
Ja, mehr denn je. Die zugrundeliegenden Mechanismen – Anlegerpsychologie, Studien-Eskalation, Verwässerung in der Bauphase – haben sich nicht verändert. Was sich verändert hat: Die Bauzeiten sind länger geworden (mehr Permits, schärfere ESG-Anforderungen), das Tal des Todes damit tiefer und länger. Royalty- und Streaming-Modelle haben in der Bauphase an Bedeutung gewonnen, was die Curve teilweise glättet, aber nicht eliminiert.
Keine Rohstoff-Chance mehr verpassen
Exklusive Updates zu Gold, Kupfer & Co. – wöchentlich, kostenlos.