Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA verfügte China Ende 2025 mit schätzungsweise rund 1,4 Milliarden Barrel, verteilt auf staatliche und kommerzielle Lager, über die größten Rohölbestände weltweit. Damit liegt China deutlich vor den Vereinigten Staaten, deren strategische und kommerzielle Reserven zusammen auf gut 800 Millionen Barrel kommen und vor Japan mit rund 260 Millionen Barrel. Allein im Jahr 2025 sollen im Schnitt 1,1 Millionen Barrel pro Tag in die chinesischen Lager geflossen sein.
China füllte seine Rohöllager damit in einem Tempo, das kein anderes Land auch nur annähernd erreicht. Noch interessanter als das schnelle Auffüllen der Lager selbst ist, dass dieser Vorgang vor den Augen der Weltöffentlichkeit weitgehend verborgen blieb. Das führt unweigerlich zu der Frage: Wie konnte ein Land eine solche Menge Rohöl anhäufen, ohne dass es der Weltöffentlichkeit sonderlich auffiel?
Ein wesentlicher Teil der Antwort liegt bei zwei Ländern, die selbst kaum noch einen regulären Zugang zum Weltmarkt haben: Iran und Russland. Der Iran steht seit Jahren und Russland seit seinem Angriff auf die Ukraine 2022 unter weitreichenden US- und EU-Sanktionen. Für westliche Käufer sind ihre Öllieferungen damit weitgehend tabu. Für chinesische Raffinerien, insbesondere die kleinen, unabhängigen Anlagen, die im Markt als „Teekessel-Raffinerien“ bekannt sind, hingegen nicht.
Über ein Geflecht aus älteren Tankern, die auf den Weltmeeren mit abgeschalteten Ortungssystemen unterwegs waren, umetikettierten Ladungspapieren und kleineren Banken, die selbst kein nennenswertes US-Geschäft hatten und damit gegen die westlichen Sanktionen immun waren, floss das Öl über Jahre hinweg in großem Umfang nach China und nicht nur das. Die chinesischen Käufer konnten ihren Lieferanten in den Verhandlungen zusätzlich auch noch erhebliche Preisnachlässe abringen.
Sanktionierte Staaten als Lieferanten und der Yuan als Schlüssel
Entscheidend für das Funktionieren dieses System war jedoch nicht nur die Logistik, sondern insbesondere die Wahl der Zahlungswährung. Hätte China seine Rechnungen in US-Dollar bezahlt, wäre jede Transaktion über eine von den USA überwachte Bank abgewickelt worden und früher oder später aufgefallen und höchstwahrscheinlich blockiert worden.
Dadurch dass China die Lieferungen jedoch in der eigenen Währung, dem Yuan, bezahlte, berührte das Geld nie eine amerikanische Bank und Washington hatte schlicht keinen Zugriffspunkt. Genau diese Eigenschaft machte den Aufbau der Reserve über Jahre hinweg für die USA schwer greifbar.
Kohle und Elektromobilität als Ergänzung
Der Aufbau der Ölreserve geschah zudem nicht isoliert, sondern fügte sich in eine breitere energiepolitische Strategie ein. China hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten nie auf einen vollständigen Ausstieg aus der Kohle gesetzt und kann dadurch in Krisenzeiten einen erheblichen Teil seines Energiebedarfs kurzfristig von Öl auf Kohle verlagern.
Gleichzeitig fahren durch jahrelange Förderprogramme inzwischen zig Millionen Elektrofahrzeuge auf chinesischen Straßen, was einen Teil der Nachfrage nach Kraftstoffen von vornherein dauerhaft entfallen lässt. Beide Faktoren zusammen reduzieren die Abhängigkeit von importiertem Rohöl und schaffen jenen Spielraum, der die Reserve erst richtig wirksam macht.
Wachstum trotz sinkender Bezugspreise
Bemerkenswert an der chinesischen Strategie ist zudem, dass der Aufbau der Reserve gerade dann am stärksten voranschritt, wenn das Angebot an sanktioniertem Öl besonders groß und damit sein Preis besonders günstig war. Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern kaufte China nicht nach einem starren Zeitplan, sondern opportunistisch immer dann besonders viel, wenn iranische oder russische Anbieter aufgrund fehlender Alternativkäufer zu besonders hohen Preisabschlägen bereit waren.
Über mehrere Jahre summierten sich diese Nachlässe zu einem erheblichen finanziellen Vorteil gegenüber Ländern, die ihr Öl weiterhin zu regulären Weltmarktpreisen beziehen mussten. Diesen Kostenvorteil hat die chinesische Industrie in den vergangenen Jahren ausgiebig genutzt und er ist ein wesentlicher Grund dafür, warum Unternehmen aus dem Reich der Mitte günstiger produzieren können als ihre Konkurrenten aus den G20-Staaten.
Die staatliche Lagerkapazität wird weiter ausgebaut
Der Aufbau ist damit auch heute keineswegs abgeschlossen. Staatsnahe Konzerne wie Sinopec und CNOOC errichten derzeit an mehreren Standorten neue Tanklager mit einer zusätzlichen Kapazität von deutlich über 150 Millionen Barrel. Dies geschieht mit dem erklärten Ziel, die staatlich kontrollierte Speicherkapazität perspektivisch auf über eine Milliarde Barrel auszubauen.
Rechnerisch entspricht die aktuelle Gesamtreserve bereits einer Importdeckung von mehr als 120 Tagen und liegt damit deutlich über der von der Internationalen Energieagentur empfohlenen Mindestreserve von 90 Tagen für Industrieländer. Aktuell verfügt damit kein anderes Land über ein Polster, das ähnlich groß ist wie das chinesische.
Ein strategisches Polster dieser Größenordnung ist kein Zufall
Zusammengenommen ergibt sich das Bild eines über viele Jahre systematisch und bewusst aufgebauten strategischen Polsters: günstiges, sanktioniertes Öl, bezahlt in einer für die USA nicht überwachbaren Währung, ergänzt durch Kohlekapazität und eine wachsende Elektroflotte als Nachfragepuffer.
Wie sich zeigen sollte, war dieses Polster keineswegs nur symbolischer Natur, sondern erfüllt eine ganz praktische Funktion. Sie wurde in diesem Jahr für die gesamte Welt sichtbar.
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