Goldinvest hat für Sie eine kleine Artikelreihe vorbereitet, in der wir Ihnen darlegen möchten, wie China gerade still und leise, dafür aber nicht weniger konsequent und zielstrebig darauf hinarbeitet, immer tiefer in den Fernen Osten Russlands vorzudringen. Um besser zu verstehen, was im fernen Sibirien gerade vor sich geht, sollten wir zunächst einen Blick auf die Geschichte dieses äußerst dünn besiedelten Teils der Erde werfen.
In den folgenden Beiträgen werden wir uns zunächst den konkreten Veränderungen zuwenden, die bereits stattgefunden haben bzw. sich aktuell gerade vollziehen. Abschließen werden wir die kleine Reihe mit einem Blick in die Zukunft, denn verschiedene Szenarien sind derzeit denkbar, die für Russland von ungünstig bis offen bedrohlich reichen könnten.
Wie Peking sich Russlands schwachen Osten Schritt für Schritt erschließt
Der russische Ferne Osten ist ein Gebiet von gewaltigen Ausmaßen. Er ist größer als ganz Westeuropa. Doch wer durch die dünn besiedelten Städte fährt, merkt sehr schnell: Russland hat diesen großen Raum nie wirklich gefüllt. Sechs Millionen Menschen leben auf knapp sieben Millionen Quadratkilometern.
Auf der anderen Seite der Grenze, in der chinesischen Provinz Heilongjiang, drängen sich auf einem Zehntel der Fläche mehr als dreimal so viele Menschen. Dieses Ungleichgewicht ist keine Kleinigkeit. Es ist der Ausgangspunkt einer der langsamsten und folgenreichsten Machtverschiebungen der Gegenwart.
Die Geschichte ist dabei nicht unbedeutend. Im 19. Jahrhundert nötigte das zaristische Russland dem geschwächten chinesischen Kaiserreich in drei Verträgen – Aigun 1858, Peking 1860 und Tacheng 1864 – die Abtretung von rund 1,5 Millionen Quadratkilometern Land ab.
Darunter befanden sich die heutigen Gebiete nördlich des Amur sowie die küstenstrategisch wichtige Region rund um die Hafenstadt Wladiwostok. Für nationalistische Chinesen, zu denen sich allem Anschein nach auch Präsident Xi Jinping zählt, gelten diese Verträge bis heute als „ungleich“. Das heißt, sie werden als eine Demütigung aus einer Zeit der Schwäche angesehen, die es langfristig zu korrigieren gilt.
Bilder und Karten sagen oftmals mehr als Worte
Diese Haltung zeigt sich in kleinen, aber bewussten Signalen. Jedes Jahr veröffentlicht die Kommunistische Partei eine sogenannte Standardkarte, die Chinas territoriale Vorstellungen kartographisch darstellt.
In der zuletzt erschienenen Version wurden acht russische Städte entlang der gemeinsamen Grenze plötzlich mit ihren chinesischen Namen versehen: Wladiwostok heißt dort „Haishenwai“, Chabarowsk „Bólì“. Das sind keine Druckfehler, sondern politische Botschaften – verhüllt, aber durchaus verständlich.
Während solche Karten diplomatisch kaum Reaktionen auslösen, läuft im Hintergrund ein weitaus konkreterer Prozess ab. Chinesische Agrarunternehmen haben sich seit den 2000er-Jahren systematisch in den russischen Fernen Osten vorgearbeitet. Sie pachten Land, betreiben mechanisierte Landwirtschaft in industriellem Maßstab und exportieren das geerntete Getreide direkt nach China.
Ackerland und andere wichtige Rohstoffe
Bereits im Jahr 2013 kontrollierten sie rund 600.000 Hektar Ackerland in der Region. Seitdem ist diese Fläche weitergewachsen. Für Peking ist das strategisch: China ist der größte Lebensmittelimporteur der Welt und das Reich der Mitte will bis spätestens 2050 bei Grundnahrungsmitteln weitgehend selbstversorgt sein. Der Ferne Osten Russlands ist dabei ein bequem erreichbarer Anbau- und Rohstoffspeicher.
Neben der Landwirtschaft geht es auch um Rohstoffe. Die Region ist reich an Holz, Mineralien und Energie. Chinesische Unternehmen sind in vielen dieser Bereiche bereits aktiv, oft unter dem Deckmantel bilateraler Handelsabkommen. Der Ukraine-Krieg und die westlichen Sanktionen haben diesen Prozess nochmals beschleunigt: Moskau ist auf Peking als Wirtschaftspartner angewiesen wie nie zuvor. Das gibt China die Möglichkeit, Bedingungen zu formulieren, die es in normalen Zeiten kaum hätte durchsetzen können.
Es wäre voreilig, daraus eine akute Bedrohung im militärischen Sinne abzuleiten. China und Russland pflegen offiziell eine „Partnerschaft ohne Grenzen“ und arbeiten auf vielen Ebenen eng zusammen. Aber Pekings Strategie folgt einer anderen Zeitrechnung. Die Machtfrage im russischen Fernen Osten wird nicht durch Truppen entschieden, sondern durch Demographie, Landbesitz, wirtschaftliche Verflechtung und Karten, auf denen die russischen Ortsnamen nach und nach verschwinden.
Russland hat die Gefahr erkannt und reagiert, aber ...
Russland ist sich dieser Dynamik bewusst. Die Regierung in Moskau hat wiederholt Anreizprogramme aufgelegt, um mehr Russen in den Fernen Osten zu locken: kostenlose Grundstücke, Umzugspauschalen, subventionierte Hypotheken werden geboten.
Die Ergebnisse sind allerdings bescheiden. Die Region verliert weiter Einwohner. Vor allem junge, gebildete Menschen wandern ab. Sie finden im europäischen Teil Russlands oder im Ausland bessere Bedingungen vor. Das strukturelle Problem bleibt damit ungelöst: Russland kann seinen Osten demographisch nicht halten und China muss dafür gar nichts erzwingen. – Es muss nur lange genug warten.
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