In der Welt der globalen Logistik gibt es einen Seeweg, der seit über 150 Jahren alternativlos erscheint: der Suezkanal. Doch in den Archiven der Geopolitik schlummert seit den 1960er Jahren ein Projekt, das die Karten des Welthandels in dieser Region neu mischen könnte. Das Ben-Gurion-Kanal-Projekt ist nicht nur ein israelisches Infrastrukturvorhaben; es ist, sollte es jemals realisiert werden, eine potenzielle tektonische Verschiebung in der wirtschaftlichen und politischen Statik des Nahen Ostens.
Der Plan, einen Bypass für die Weltwirtschaft zu legen, ist kühn. Die Grundidee des Ben-Gurion-Kanals hingegen ist ebenso simpel wie gigantisch: Die Schaffung einer neuen, zweiten künstlichen Wasserstraße, die das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet – und zwar unter Umgehung ägyptischen Territoriums.
Der geplante Verlauf schafft eine neue Schiffsverbindung, die nahe der israelischen Hafenstadt Eilat am vom Golf von Akaba beginnt und anschließend quer durch die Negev-Wüste und das israelische Kernland bis hin zum Mittelmeer führt. Hier soll die Einfahrt in den Kanal nördlich des Gazastreifens erfolgen.
Mit einer geschätzten Länge von etwa 290 Kilometern wäre dieser Kanal deutlich länger als der 193 Kilometer lange Suezkanal. Im Gegensatz zum Suezkanal, der oft mit Versandungsproblemen zu kämpfen hat und nur eine begrenzte Anzahl an Schiffen gleichzeitig abfertigen kann, sieht der israelische Plan eine hochmoderne, mehrspurige Wasserstraße vor. Ziel ist es, eine Kapazität zu schaffen, die den Suezkanal nicht nur ergänzt, sondern in Sachen Effizienz und Tiefgang für die modernsten Megaschiffe der „Post-Panamax“-Klasse übertrifft.
Große Ambitionen und große technischen Schwierigkeiten, denn ein Gebirge ist im Weg
Wer die Geografie Israels kennt, weiß, dass dieses Projekt ein ingenieurtechnischer Albtraum ist, denn während der Suezkanal weitgehend durch flaches, sandiges Gelände führt, müsste der Ben-Gurion-Kanal das Negev-Hochland durchqueren. Die Kanalbauer haben damit gleich zwei Herausforderungen zu bewältigen: Massive Erdbewegungen werden erforderlich und auch eine ökologische Barriere gilt es zu überwinden.
Die Höhenunterschiede im Negev erfordern den Abtrag von Milliarden Kubikmetern Gestein und Erde. In den ursprünglichen, mittlerweile jedoch verworfenen, US-Plänen aus den 1960er Jahren wurde ernsthaft erwogen, nukleare Sprengungen einzusetzen, um den Kanalweg freizulegen – ein Vorhaben, das heute aus ökologischen und sicherheitstechnischen Gründen völlig undenkbar wäre.
Aber auch die ökologische Barriere hat ihre Tücken, denn die Verbindung zweier Meere bringt immer die Gefahr einer „Lessepsschen Migration“ mit sich. Damit ist der Austausch von invasiven Arten zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer gemeint. Zudem müsste die Entsalzung und der Schutz des Grundwassers im Negev garantiert werden, da ein Leck im Salzwasserkanal die ohnehin knappen Süßwasserressourcen der Wüste vernichten würde.
Last but not least sind auch die geopolitischen und sicherheitsrelevanten Fragen von großer Bedeutung. Die Nähe zu politisch instabilen Zonen, insbesondere die Mündung nahe des Gazastreifens, stellt eine massive Sicherheitsherausforderung dar. Ein Kanal dieser Bedeutung wäre ein primäres Ziel in bewaffneten Konflikten. Die Verteidigung einer fast 300 Kilometer langen Wasserstraße erfordert eine militärische Infrastruktur, die die Baukosten zusätzlich in die Höhe treibt.
Bricht Israel das ägyptische Monopol?
Sollte der Kanal jemals Realität werden, wäre die wirtschaftliche Bedeutung kaum zu überschätzen. Aktuell fließen etwa zwölf Prozent des Welthandels durch den Suezkanal. Ägypten nimmt pro Jahr Milliarden an Transitgebühren ein – eine politische und wirtschaftliche Machtposition, an der Israel gerne teilhaben würde.
Der Ben-Gurion-Kanal würde das ägyptische Monopol brechen. Für die Reedereien bedeutete dies wettbewerbsfähige Preise, denn zu erwarten ist, dass die Transitgebühren auf beiden Kanälen durch die Konkurrenz sinken werden. Hinzu eine höhere Redundanz bei Störungen auf einem der beiden Kanäle.
Mit Schrecken erinnert sich die Logistikbranche noch immer an das Jahr 2021 als der Frachter Ever Given im Suezkanal quer zur Fahrrinne strandete und anderen Schiffen die Durchfahrt durch den Kanal tagelang verwehrte. Sie dieser Blockade lechzt die Weltwirtschaft nach einer Ausweichroute. Ein zweiter Weg würde das Risiko globaler Lieferkettenunterbrechungen massiv senken.
Beachtliche Folgen für den Transport von Rohstoffen
Besonders für den Energiemarkt wäre der Kanal ein Gamechanger, denn die Region ist das Herz der weltweiten Öl- und Gasförderung. Ein tieferer und breiterer Kanal in Israel könnte massiven Supertankern die Fahrt um die Südspitze Afrikas ersparen und den Weg nach Europa und in die USA drastisch zu verkürzen. Dies würde die Transportkosten für Rohöl und Flüssiggas aus den Golfstaaten senken und die Energiesicherheit Europas erhöhen.
Interessanterweise könnte das Projekt auch zu neuen Allianzen der Anrainerstaaten führen. Im Zuge der Abraham-Abkommen ist eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien denkbar. Saudi-Arabien plant den Bau der Zukunftsstadt NEOM direkt gegenüber der Kanaleinführung.
Sollte die Straße von Hormus in Zukunft dauerhaft unter iranischer Kontrolle stehen und ihre Befahrung mit Transitgebühren verbunden sein, könnte dies Saudi-Arabien zum Bau weiterer Pipelines und Verladevorrichtungen für Erdöl und Erdgas an der Küste des Roten Meeres bewegen. Baut Israel gleichzeitig den Ben-Gurion-Kanal könnte dieser Teil eines neuen wirtschaftlichen Korridors werden, der den gesamten Nahen Osten als Logistik-Drehscheibe zwischen Asien und Europa zementiert.
Vision oder Luftschloss?
Das Ben-Gurion-Kanal-Projekt bleibt vorerst eine Vision mit enormen Hürden. Die Kosten werden auf über 100 Milliarden US-Dollar geschätzt und die politischen Spannungen in der Region machen eine kurzfristige Umsetzung unwahrscheinlich. Auf mittlere und lange Sicht könnten sie jedoch dazu beitragen, dass die enormen technischen und finanziellen Herausforderungen schon bald in einem anderen Licht erscheinen werden.
Heute dient allein die Existenz dieses Plans Israel als strategisches Druckmittel. In einer Welt, in der Handelswege zur schärfsten Waffe der Geopolitik geworden sind, ist der Gedanke an einen israelischen Suez-Bypass mehr als nur eine technische Spielerei – es ist die Vision einer neuen Ordnung, in der Israel nicht mehr nur ein geographisches Randgebiet ist, sondern zu einer zentralen Brücke der Weltwirtschaft heranwächst.
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