Nach dem schwärzesten Oktober seit der globalen Finanzkrise 2008 vollzieht der Goldmarkt zu Wochenbeginn den Versuch einer ersten Bodenbildung. Schnäppchenjäger nutzen die tiefsten Notierungen seit zwölf Monaten offenbar für erste, selektive Zukäufe und hieven den Spotpreis erst einmal zurück über Richtung der Marke von 3.900 US-Dollar je Unze, flankiert von leicht nachgebenden Rohölpreisen.
Die Gegenbewegung ändert jedoch nichts am angeschlagenen Chartbild: Mit einem Monatsverlust von rund sechs Prozent im Oktober und einem Abstand von rund 28 Prozent zum Rekordschlusskurs von 5.419,83 US-Dollar vom 28. Januar verbuchte das gelbe Metall den zweiten Verlustmonat in Serie. Noch dramatischer erwischte es Silber, das mit einem Monatseinbruch von rund 18 Prozent erstmals seit November 2025 unter die psychologisch kritische Marke von 50 US-Dollar abtauchte – und damit die gesamte fulminante Rallye ab Anfang Dezember, die den Kurs in der Spitze über 120 US-Dollar getragen hatte, vollständig abgab.
Toxischer Mix aus Zinsangst, Ölpreisschock und Tech-Liquidierungen
Der Ausverkauf vom vergangenen Freitag markierte den vorläufigen Höhepunkt des Abgabedrucks. Gold stürzte im Tief vergangene Woche um bis zu 3,2 Prozent auf 3.891,67 US-Dollar ab – den tiefsten Stand seit dem 28. Oktober 2025. Parallel dazu verlor der Silber-Spotpreis 5,8 Prozent auf 49,34 US-Dollar je Unze. Wie panikartig der Rückzug verlief, belegen die gewaltigen Umsätze an der Comex, wo bis zur Mittagszeit Terminkontrakte über nominal 18 Millionen Unzen Gold und 236 Millionen Unzen Silber den Besitzer wechselten. Im Sog des Abverkaufs fielen auch die Platinmetalle: Platin büßte vier Prozent auf den tiefsten Stand seit September 2025 ein, während Palladium mit minus 3,1 Prozent auf ein Tief von Juni 2025 absackte.
Verantwortlich für diesen Abverkauf ist eine Gemengelage aus Geopolitik und verschärften Zinsängsten. Befürchtungen über ein erneutes US-Militärvorgehen gegen den Iran nach einem Angriff auf einen Öltanker in der Straße von Hormus zum Ende der vergangenen Woche katapultierten Brent-Öl auf den höchsten Stand seit April und bescherten dem Energieträger den vierten Monatsgewinn in Folge. Da teure Energie die Inflationserwartungen anheizt, preisen Terminmarkthändler die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der Federal Reserve im Dezember laut Mining.com inzwischen mit über 70 Prozent ein. Nachdem die Fed bereits im September erstmals seit Juli 2023 wieder an der Zinsschraube gedreht hatte und nun sowohl die US-Notenbank als auch die EZB trotz einer Zinspause vor anhaltenden Teuerungsrisiken warnten, gilt wohl weiterhin das geldpolitische Mantra von „höher für länger“.
Als zusätzlicher Beschleuniger wirkte der Einbruch bei US-Technologiewerten, wo enttäuschende Quartalszahlen eine Kapitalrotation aus dem KI-Sektor in US-Staatsanleihen auslösten. Analysten weisen darauf hin, dass Nachschussforderungen (Margin Calls) und Zwangsvollstreckungen viele Investoren dazu veranlassten, liquide Edelmetallpositionen glattzustellen. Da physische Käufer in Indien in Erwartung weiterer Kursverluste abwarteten und auch Chinas Nachfrage verhalten blieb, schoss das Gold-Silber-Verhältnis auf den höchsten Stand seit Dezember. Ole Hansen, Head of Commodity Strategy bei der Saxo Bank, sieht Silber durch diese Schwäche besonders verwundbar und hält bei anhaltenden Verkäufen technisch orientierter Fonds einen weiteren Rücksetzer in die Mitte der 40er-Dollar-Spanne für möglich, während die Commerzbank die Panikverkäufe für übertrieben hält und mittelfristig mit einer Erholung rechnet.
Minenaktien im Ausverkauf: 140 Milliarden Dollar Börsenwert pulverisiert
Die volle Wucht der Preiskorrektur traf die Minengesellschaften, deren Notierungen am Freitag mit Verlusten von bis zu acht Prozent nochmals deutlich stärker einbrachen als die Edelmetalle selbst. Branchenprimus Newmont verlor fünf Prozent auf eine Marktkapitalisierung von 110 Milliarden US-Dollar, Agnico Eagle büßte 6,7 Prozent auf 83 Milliarden US-Dollar ein und Barrick Mining gab um fünf Prozent auf 60 Milliarden US-Dollar nach. Kinross Gold erwischte es mit einem Tagesminus von 7,7 Prozent und einem Oktoberverlust von 17 Prozent besonders empfindlich. In der Gesamtschau haben die fünf Schwergewichte Newmont, Agnico Eagle, Barrick, Wheaton Precious Metals und Franco-Nevada gegenüber ihren 52-Wochen-Hochs fast 140 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung vernichtet. Bei den Silberproduzenten fällt das Bild noch schonungsloser aus: Titel wie Hecla Mining notieren inzwischen rund 60 Prozent unter ihrem Jahreshoch.
Für Rohstoffinvestoren bietet dieser drastische Bewertungsabschlag jedoch nach Ansicht einiger Analysten, wenn auch riskante, antizyklische Einstiegsperspektive. Sobald die Zwangsvolumina aus dem Tech-Abverkauf verdaut seien und die Märkte den Zinspfad für Dezember absorbiert haben, würden die überverkauften Minengesellschaften durch ihren operativen Hebel erhebliches Erholungspotenzial bei einer Stabilisierung der Edelmetallpreise aufweisen.
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