Eigentlich hätte die Ausgangslage für Gold kaum ungünstiger sein können: Die US-Notenbank Fed erhöht erstmals seit mehr als drei Jahren die Zinsen, signalisiert weitere Straffungen, der Dollar springt auf ein Siebenwochenhoch und die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen erreicht den höchsten Stand seit Juli 2024. Doch statt weiter unter Druck zu geraten, dreht der Goldpreis am Donnerstag nach ersten Verlusten direkt nach der Fed-Entscheidung erst einmal wieder deutlich nach oben und erobert fast die Marke von 4.300 USD je Unze zurück.
Im asiatischen Handel legte Spotgold zeitweise sogar 1,1 % auf 4.310,49 USD je Unze zu, nachdem das Edelmetall am Mittwoch noch auf ein annäherndes Sechswochentief gefallen war. Auch Silber erholte sich deutlich und stieg um 1,4 % auf 63,83 USD je Unze. Reuters sprach angesichts des schwierigen Zins- und Dollarumfelds von bemerkenswerter Widerstandskraft des Goldes.
Fed stellt weitere Zinserhöhungen in Aussicht
Die Federal Reserve hatte den Zielkorridor für den Leitzins am Mittwoch einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 % angehoben. Gleichzeitig machten die neuen Projektionen deutlich, dass der Schritt keineswegs als einmalige Maßnahme verstanden werden muss. 16 von 18 Fed-Vertretern rechnen bis Jahresende mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung. Der Median der Prognosen für den Leitzins Ende 2026 stieg von 3,8 % im Juni auf nun 4,1 %.
Die Finanzmärkte reagierten entsprechend. Goldman Sachs änderte nach der Sitzung seine bisherige Einschätzung und erwartet nun bereits für Oktober eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte. Die Bank spricht von einem Basisszenario mit zwei Zinsschritten im laufenden Jahr. Bank of America geht noch weiter und rechnet mit Erhöhungen sowohl im Oktober als auch im Dezember. Am Terminmarkt wurde die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Zinsschritts bereits im Oktober zuletzt mit rund 50 % veranschlagt.
Für Gold ist diese Entwicklung grundsätzlich Gegenwind. Höhere Zinsen erhöhen die Attraktivität verzinslicher Anlagen und verteuern damit die Opportunitätskosten für das unverzinste Edelmetall. Umso auffälliger ist die schnelle Gegenbewegung.
Goldpreis profitiert von Bewegung am langen Ende der Zinskurve
Ein möglicher Schlüssel liegt im US-Anleihemarkt. Dort reagieren die unterschiedlichen Laufzeiten derzeit keineswegs gleich. Die Rendite zweijähriger US-Treasuries sprang nach der Fed-Sitzung um sechs Basispunkte auf 4,7145 % und damit auf den höchsten Stand seit Juli 2024. Das kurze Ende der Zinskurve preist die Aussicht auf weitere Fed-Schritte somit deutlich ein.
Bei längeren Laufzeiten fällt die Reaktion dagegen wesentlich moderater aus. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag bei 4,9917 % knapp unter der viel beachteten Marke von 5 %. Die Rendite 30-jähriger Treasuries gab sogar um zwei Basispunkte auf 5,3328 % nach. Die Zinskurve flachte damit ab: Während kurzfristige Renditen steigen, ließ der Verkaufsdruck bei langlaufenden Anleihen zunächst nach.
Das könnte für den Goldpreis entscheidend sein. Die Fed wird zwar deutlich hawkisher eingepreist, gleichzeitig scheint der Markt der Notenbank zumindest vorerst zuzutrauen, die Inflation mit ihrem Kurs besser unter Kontrolle zu bringen. Dadurch könnte der Druck auf langfristige Renditen und Inflationserwartungen begrenzt werden.
Bemerkenswert ist die Gold-Erholung auch deshalb, weil gleichzeitig der US-Dollar kräftig zulegte. Der Dollarindex erreichte mit 100,33 Punkten den höchsten Stand seit dem 31. Juli. Normalerweise stellt ein stärkerer Dollar zusätzlichen Gegenwind für Gold dar, da das in US-Dollar gehandelte Metall für Käufer außerhalb des Dollarraums teurer wird.
Fallender Ölpreis nimmt zusätzlichen Inflationsdruck
Unterstützung erhält Gold zudem von einer anderen Seite: Der zuvor stark gestiegene Ölpreis gibt wieder nach. Brent fiel am Donnerstag in Richtung 105 USD je Barrel, nachdem die Notierungen bereits am Vortag rund drei Dollar verloren hatten. Zusätzliche saudische Lieferungen über Oman reduzierten zumindest vorübergehend die Sorgen vor weiteren Angebotsausfällen im Nahen Osten.
Für Gold ist das ein zweischneidiger Effekt. Weniger geopolitische Risikoprämie kann zunächst die Nachfrage nach sicheren Häfen dämpfen. Gleichzeitig bedeutet ein fallender Ölpreis aber weniger Inflationsdruck. Das wiederum könnte den Aufwärtsdruck auf langfristige US-Renditen begrenzen. Marktanalysten halten einen anhaltenden Rückgang der Ölpreise deshalb mittelfristig für einen möglichen Unterstützungsfaktor für Gold. Die aktuelle Erholung führt man zudem darauf zurück, dass ein erheblicher Teil der hawkishen Fed-Signale inzwischen bereits eingepreist sei.
Damit verschiebt sich der Fokus nach der Fed-Entscheidung. Für den Goldpreis dürfte weniger entscheidend sein, dass die Fed den Leitzins um 25 Basispunkte angehoben hat. Wichtiger wird, wie weit die kurzfristigen Zinserwartungen noch steigen, ob die zehnjährige Treasury-Rendite dauerhaft über 5 % ausbricht und wie sich Ölpreis und Inflationserwartungen entwickeln. Dass Gold trotz Siebenwochenhoch des Dollars und stark gestiegener kurzfristiger Renditen wieder Richtung 4.300 USD tendiert, zeigt zumindest, dass der erste Zinsschock überraschend schnell absorbiert wurde.
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