Nach einer beispiellosen Rekordrallye schlägt die Weltbank vorsichtigere Töne für die Edelmetallmärkte an: In ihrem aktuellen Rohstoffausblick prognostizieren die Ökonomen eine spürbare Abkühlung und taxieren den durchschnittlichen Goldpreis für 2027 auf 4.250 US-Dollar je Unze, während Silber bei 62 US-Dollar (nach bisher 70 USD) erwartet wird. Doch wer einen Absturz auf historische Tiefststände befürchtet, irrt: Zwar dürften beide Metalle einen Teil ihrer jüngsten Gewinne abgeben, sich im historischen Vergleich jedoch auf einem außergewöhnlich hohen Niveau einpendeln. Geopolitische Dauerspannungen und der anhaltende Absicherungsbedarf gegen systemische Risiken bilden ein robustes Fundament gegen einen ungeordneten Ausverkauf.
Weltbank senkt Goldpreis-Prognose: Realzinsen und starker Dollar bremsen die Rallye
Die revidierten Schätzungen spiegeln ein verändertes makroökonomisches Umfeld wider. Nachdem Gold im dritten Quartal um fünf Prozent nachgegeben hatte und sich der Abgabedruck im Oktober fortsetzte, passte die Organisation ihre Erwartungen gegenüber der Frühjahrsprognose vom April moderat nach unten an:
- Historischer Höchststand 2026: Für das Gesamtjahr 2026 kalkuliert die Weltbank mit einem durchschnittlichen Goldpreis von 4.600 US-Dollar je Unze – ein kräftiges Plus von 33,6 Prozent gegenüber 2025 (April-Schätzung: 4.700 Dollar).
- Konsolidierungsphase 2027: Im Folgejahr soll der Durchschnittskurs um 7,6 Prozent auf 4.250 US-Dollar nachgeben (April-Schätzung: 4.300 Dollar).
- Ausblick auf 2028: Für 2028 erwarten die Experten einen weiteren moderaten Rückgang um 5,9 Prozent auf ein Niveau von 4.000 US-Dollar je Unze.
Hinter dieser Abkühlung stehen vor allem restriktive geldpolitische Signale: Steigende Renditen bei Staatsanleihen, ein erstarkender US-Dollar und die Zinserhöhung der US-Notenbank im September – flankiert von vergleichbaren Schritten anderer Zentralbanken – trieben die Opportunitätskosten des unverzinsten Edelmetalls in die Höhe.
Trotz dieser Zinshürden bleibt die fundamentale Nachfrage bemerkenswert tragfähig. In der ersten Jahreshälfte zeichneten institutionelle Investoren und Notenbanken für rund die Hälfte der globalen Goldnachfrage verantwortlich. Zwar dürften beide Käufergruppen ihr Tempo perspektivisch drosseln, sie bleiben jedoch das tragende Sicherheitsnetz des Marktes – zumal die Zentralbankkäufe nach einer temporären Abschwächung zuletzt bereits wieder angezogen haben. Demgegenüber leidet der physische Schmucksektor: Die Nachfrage verharrt seit 2023 im Rückwärtsgang und dürfte infolge des hohen Preisniveaus gedämpft bleiben. Auf der Angebotsseite zeichnet sich derweil nur ein moderater Zuwachs der Minenförderung ab, während das Altgold-Recycling spürbar an Bedeutung gewinnt.
Silberpreis bei 62 Dollar: Industrielle Nachfrage wird zum Schlüssel
Noch ausgeprägter als beim gelben Metall gestaltet sich die Gemengelage beim Silber, für das die Weltbank im Jahr 2027 einen Durchschnittspreis von 62 US-Dollar je Unze prognostiziert. Anders als Gold, dessen Bewertung primär über monetäre Zuflüsse und Währungsreserven gesteuert wird, hängt die künftige Preisbildung des weißen Metalls maßgeblich an der industriellen Konjunktur. Die Kombination aus anziehendem Recyclingmaterial, verhaltenem Minenwachstum und konjunktursensibler Industrienachfrage dürfte den Ausschlag darüber geben, ob sich Silber oberhalb der prognostizierten 60-Dollar-Marke nachhaltig etablieren kann.
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