Der World Gold Council (WGC) meldet für August Nettokäufe der Zentralbanken von 39 Tonnen Gold, angeführt von China mit 20 Tonnen sowie Usbekistan und Polen mit je 8 Tonnen. Damit summieren sich die offiziellen Käufe im laufenden Jahr bis Ende August auf 170 Tonnen. Für Anleger ist die Statistik mehr als eine Fußnote: Sie erklärt, warum der Goldpreis trotz festem Dollar und hoher US-Renditen vergleichsweise stabil bleibt.
Wer im August gekauft hat – und wie viel
Die Monatsstatistik des WGC zeigt ein vertrautes Muster: China führt die Käuferliste erneut an, dahinter folgen zwei Notenbanken aus Mittel- und Osteuropa beziehungsweise Zentralasien, die seit Jahren zu den aktivsten Adressen im offiziellen Sektor zählen. Mit 39 Tonnen Gold im August und 170 Tonnen seit Jahresbeginn bewegt sich die Nachfrage auf einem Niveau, das für den Markt längst zur Kalkulationsgröße geworden ist.
Entscheidend ist dabei weniger der einzelne Monat als die Konstanz. Zentralbanken kaufen nicht antizyklisch im klassischen Sinne, sondern folgen mehrjährigen Reserveplänen. Preisrückgänge führen bei dieser Käufergruppe deshalb nicht automatisch zu Zurückhaltung – und Preisanstiege nicht zu Gewinnmitnahmen. Genau diese Preisunempfindlichkeit unterscheidet den offiziellen Sektor von ETF-Anlegern oder Terminmarktspekulanten.
Warum Gold ohne Gegenparteirisiko für Notenbanken attraktiv ist
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat das Motiv auf der Global Precious Metals Conference der LBMA in Sorrent am Montag offen benannt: Eine fragmentierte, weniger berechenbare Welt werfe grundlegende Fragen zur Diversifikation und zur Rolle von Gold in den Währungsreserven auf. Physisch im Inland gelagertes Gold trage – anders als ausländische Wertpapiere oder Guthaben – kein Gegenparteirisiko und lasse sich nicht blockieren.
Dieses Argument hat an Gewicht gewonnen, seit Sanktionsrisiken bei Reservemanagern höher auf der Agenda stehen. Die Bundesbank selbst hält nach Nagels Angaben mehr als 3.500 Tonnen und ist damit der zweitgrößte offizielle Halter weltweit. Der Goldanteil an den globalen Zentralbankreserven sei von rund 14 Prozent im Jahr 2023 auf knapp 25 Prozent gestiegen – wobei Nagel ausdrücklich darauf hinwies, dass ein erheblicher Teil dieses Zuwachses auf den Preisanstieg des Metalls selbst zurückgeht und nicht allein auf neue Käufe.
Die jüngste WGC-Umfrage stützt dieses Bild: 45 Prozent der befragten Währungsbehörden wollen ihre Bestände in den kommenden zwölf Monaten ausweiten – der höchste Wert seit Beginn der Erhebung. 89 Prozent erwarten, dass die globalen Reserven insgesamt steigen. Als Motiv nannten die Befragten neben der Absicherung geopolitischer Risiken vor allem die Wertaufbewahrungsfunktion über lange Zeiträume.
Hohe Renditen bremsen – aber weniger stark als im Lehrbuch
Der wichtigste Gegenwind bleibt das Zinsumfeld. Weil Gold keine laufenden Erträge abwirft, verlieren zinslose Anlagen an relativer Attraktivität, wenn Staatsanleihen hohe Renditen bieten. Rund einen Monat nach der jüngsten Zinsanhebung der US-Notenbank hat das Metall 6,7 Prozent eingebüßt, während die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen weiterhin nahe mehrjähriger Hochs liegen.
Bemerkenswert ist jedoch, wie robust Gold auf dieses Lehrbuchmuster reagiert. Sergio Nicoletti Altimari, stellvertretender Gouverneur der Banca d'Italia, sagte in Sorrent, der traditionell inverse Zusammenhang zwischen Gold und Realrenditen habe sich seit 2022 abgeschwächt. Strukturelle Verschiebungen durch staatliche Reservekäufer federn demnach zumindest einen Teil des Zinsdrucks ab.
UBS-Analyst Giovanni Staunovo ordnet die Notenbanknachfrage als anhaltenden strukturellen Rückenwind ein, auch wenn ein robuster Dollar und hohe Renditen kurzfristige Erholungen begrenzen. Für Anleger heißt das: Zinsen und Dollar erklären weiterhin die kurzfristigen Ausschläge, der offizielle Sektor dagegen die auffällige Bodenbildung.
Welche Termine die kommenden Handelstage prägen
Der Blick richtet sich nun nach Washington. Am Mittwoch veröffentlicht die Fed das Protokoll ihrer Sitzung von Mitte September, das Hinweise auf den weiteren Zinspfad geben dürfte. Am 14. Oktober folgen die US-Verbraucherpreise für September. Eine Überraschung bei der Inflation würde die Zinserwartungen verschieben und über Dollar und Anleiherenditen unmittelbar auf den Goldpreis durchschlagen. Zuletzt war der US-Arbeitsmarktbericht schwächer ausgefallen, was die Erwartungen an eine weitere Straffung im Oktober gedämpft hat.
Hinzu kommt die geopolitische Lage. Viele Analysten sehen in den Spannungen im Nahen Osten einen wesentlichen Treiber für die kommenden Sitzungen – bei einer Eskalation dürfte die Nachfrage nach sicheren Häfen rasch wieder in den Vordergrund rücken. Die Notenbankkäufe liefern unterdessen die langsamere, aber beständigere Komponente der Nachfrage.
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