Der globale Aluminiummarkt gerät in eine Lage, die selbst erfahrene Beobachter der Rohstoffmärkte als außergewöhnlich einstufen. Unterbrechungen infolge des Kriegs im Nahen Osten treffen eine Branche, die ohnehin nur begrenzte Reserven besitzt und für zentrale Industrien wie Transport, Bau und Verpackung unverzichtbar ist. Nach Einschätzung der Experten von Mercuria könnte der Markt bis zum Jahresende in ein massives Angebotsdefizit rutschen. Die Folge sind steigende Sorgen um Versorgungssicherheit, knappe Lagerbestände und ein Preissprung, der Aluminium an der London Metal Exchange bereits auf den höchsten Stand seit vier Jahren geführt hat.
Aluminium trifft ein ungewöhnlich großer Angebotsschock
Der Nahe Osten spielt im Aluminiumsektor eine deutlich größere Rolle, als vielen Marktteilnehmern außerhalb der Branche bewusst sein dürfte. Die Region verfügt über rund sieben Millionen Tonnen jährliche Schmelzkapazität. Das entspricht etwa 9 % des für dieses Jahr erwarteten globalen Angebots. Wenn ein Teil dieser Kapazität durch geopolitische Störungen, Transportprobleme oder eingeschränkte Rohstoffflüsse ausfällt, wirkt sich das unmittelbar auf einen ohnehin eng austarierten Markt aus.
Der Rohstoffhändler Mercuria, beschreibt die aktuelle Entwicklung als den wahrscheinlich größten einzelnen Angebotsschock, den ein Basismetallmarkt seit dem Jahr 2000 erlebt habe. Nach Einschätzung der Experten handelt es sich bereits um ein „Black-Swan“-Ereignis – also um eine Entwicklung, die in dieser Größenordnung kaum vorhersehbar war.
Auslöser der jüngsten Preisbewegung waren wachsende Sorgen über Lieferunterbrechungen infolge des US-israelischen Kriegs mit Iran. Diese Befürchtungen trieben den Aluminiumpreis an der London Metal Exchange am 16. April auf 3.672 US-Dollar je Tonne und damit auf ein Vierjahreshoch. Für einen Markt, der stark von industrieller Nachfrage und verlässlichen Lieferketten geprägt ist, ist diese Bewegung ein deutliches Signal.
Defizit von mindestens zwei Millionen Tonnen möglich
Mercuria geht davon aus, dass der Aluminiummarkt zwischen jetzt und dem Jahresende mindestens ein Defizit von rund zwei Millionen Tonnen aufweisen wird. Diese Schätzung könnte nach Einschätzung der Analysten sogar konservativ sein. Sie setzt nämlich voraus, dass sich die Versorgung mit Aluminiumoxid über die Straße von Hormus kurzfristig verbessert und einige Schmelzen noch in diesem Quartal ihre Produktion wieder aufnehmen können.
Aluminiumoxid ist ein wichtiger Vorstoff für die Aluminiumproduktion. Werden diese Lieferströme in die Golfregion eingeschränkt, kann das die Schmelzproduktion zusätzlich belasten. Sollte der Konflikt länger andauern und die Versorgung mit Aluminiumoxid begrenzt bleiben, wäre laut Mercuria auch ein größeres Defizit möglich.
Besonders kritisch ist der Vergleich mit den vorhandenen Beständen. Dem erwarteten Fehlbetrag von mindestens zwei Millionen Tonnen stehen nur rund 1,5 Millionen Tonnen sichtbare Lagerbestände gegenüber. Einschließlich nicht sichtbarer Einheiten werden die weltweiten Gesamtbestände auf etwas mehr als drei Millionen Tonnen geschätzt. Damit verfügt der Markt nur über begrenzte Puffer, um einen größeren Ausfall im Nahen Osten auszugleichen.
Ersatz für Aluminium aus dem Nahen Osten ist kaum verfügbar
Ein zentrales Problem besteht darin, dass Aluminium aus dem Nahen Osten nicht einfach ersetzt werden kann. China ist zwar der größte Produzent der Welt, unterliegt jedoch einer jährlichen Produktionsgrenze von 45 Millionen Tonnen. In den USA und Europa wiederum gibt es nur wenig stillgelegte Kapazität, die kurzfristig wieder in Betrieb genommen werden könnte.
Dadurch sind vor allem westliche Märkte dem aktuellen Schock ausgesetzt. Mercuria sieht die USA und Europa besonders verwundbar, weil dort die Lagerbestände niedrig sind. Gleichzeitig sind beide Regionen auf Importe aus dem Nahen Osten angewiesen.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß dieser Abhängigkeit. Die USA importierten im vergangenen Jahr 3,4 Millionen Tonnen primäres und legiertes Aluminium. Davon entfielen nahezu 22 % auf den Nahen Osten. Europa bezog im selben Zeitraum rund 1,2 Millionen Tonnen beziehungsweise 18,5 % seiner Importe von primärem und legiertem Aluminium aus der Region. Wenn diese Lieferungen ins Stocken geraten, entstehen in beiden Märkten rasch Engpässe.
Aluminium bleibt Schlüsselrohstoff für Industrie und Lieferketten
Die Bedeutung von Aluminium reicht weit über den Metallhandel hinaus. Das Metall ist ein zentraler Werkstoff für Verkehr, Bauwirtschaft und Verpackungsindustrie. Unterbrechungen auf der Angebotsseite können daher nicht nur Preise bewegen, sondern auch industrielle Lieferketten belasten.
Die aktuelle Lage unterscheidet sich von üblichen zyklischen Marktschwankungen. Es geht nicht allein um eine stärkere Nachfrage oder eine temporäre Lagerbewegung, sondern um die Frage, ob ein bedeutender Produktions- und Lieferraum dauerhaft eingeschränkt wird. Genau deshalb wird der Schock von Mercuria so hoch gewichtet.
Für den Aluminiummarkt steht nun vor allem die Entwicklung der Lieferströme im Mittelpunkt. Entscheidend wird sein, ob sich der Transport von Aluminiumoxid über die Straße von Hormus stabilisiert und ob betroffene Schmelzen ihre Produktion zeitnah wieder aufnehmen können. Bleiben diese Voraussetzungen aus, könnte sich das bereits erwartete Defizit weiter vergrößern.
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